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Währungsunion : Eine Generalüberholung für den Euro

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Optionen: Warum Ab- und Umbau keine Lösungen sind

Was nun? Eurokritiker werden die sofortige Beendigung eines fehlerhaften Projekts fordern. Ich halte das für unverantwortlich. Der Abriss der Brücke wäre mit großen Folgekosten verbunden – es gab gute Gründe für ihren Bau. Der Euro garantiert den gerade für Deutschland wichtigen Wettbewerb im europäischen Binnenmarkt, weil kompetitive Abwertungen ausgeschlossen sind. Der Euro stärkt die Position des europäischen Kontinents im Weltmarkt, weil er eine Weltreservewährung geworden ist. Der Euro ist zudem die politische Garantie, dass wir es mit dem europäischen Projekt ernst meinen.

Auch der Ausschluss einzelner Länder ist gefährlich. Nicht nur, weil politisch und rechtlich völlig ungeklärt ist, wie er ablaufen könnte, sondern auch, weil eine Währungsunion, die eine Exit-Option enthält, nichts anderes ist als ein System fester Wechselkurse. Man stelle sich die Krise 2010 bis 2012 vor dem Hintergrund einer Exit-Option vor. Die Konsequenzen wären verheerend gewesen. Hätten Finanzmärkte und Privatanleger ihr Geld in den Krisenländern gelassen, wenn es die Ausstiegsmöglichkeit gegeben hätte? Hätten Irland und Portugal ihre politisch schwierigen, aber ökonomisch dringend notwendigen Strukturreformen durchgeführt, wenn sie die Möglichkeit zum Exit gehabt hätten? Dass es keinen Ausgang gab, hat den Euro in der Krise beschützt.

Durch Abriss oder Umbau entstünden immense Kosten. Die Generalüberholung ist deshalb der klügere Ansatz. Was Europa braucht, ist eine selektive Vertiefung der Währungsunion. Aus meiner Sicht sind vier Schritte notwendig.

Generalüberholung: Für eine Vertiefung der Währungsunion

Erstens: den Binnenmarkt vollenden. Der Euroraum lebt in der Illusion, ein integrierter Markt zu sein. Das stimmt so nicht. Vor allem im Dienstleistungssektor, der mit 70 Prozent den größten Anteil unserer Volkswirtschaften ausmacht, mangelt es an grenzüberschreitendem Handel. So lange Dienstleistungen national eingemauert sind, weil obskure Regeln kaum Mobilität und Handel vom einen ins andere Land zulassen, werden Divergenzen zwischen Ländern bestehen bleiben. Der Euroraum muss ein echter Binnenmarkt werden, mit gemeinsamer Regulierung im Kapitalverkehr und im Digitalbereich, mit deutlich erhöhter Arbeitskräftemobilität. Dass in diesen Feldern sehr wenig geschieht, zeigt, dass die Hauptursachen der Divergenzen im Euroraum immer noch verkannt werden.

Zweitens: die Bankenunion vollenden. Obwohl mit einheitlicher Aufsicht und Abwicklung zwei Schlüsselpfeiler aufgestellt worden sind, ist die Stabilität noch nicht garantiert. Die nächste Krise in der Währungsunion könnte durch eine Abwanderung von Einlagen ausgelöst werden. Wenn in Italien nur die Frage auftaucht, ob der Euro überleben kann, dann ist es eine Frage der Zeit, bis Sparer ihre Einlagen auf deutsche Konten übertragen. Diese Einlagenflucht ist die größte Bedrohung des Euroraums. Die Kapitalkontrollen in Zypern und Griechenland zeigen, dass ein Euro eben nicht in allen Ländern den gleichen Wert hat. Getrennte Einlagensicherungssysteme sind vor diesem Hintergrund eine Gefahr. Dass viele in Deutschland einem europäischen Einlagensicherungssystem skeptisch gegenüberstehen, ist angesichts der verbleibenden Risiken in vielen Ländern nachvollziehbar. Aber die Skepsis ist kurzsichtig. Wer sich einem gemeinsamen System, das ja auch auf dem Weg einer Rückversicherung erreicht werden kann, versperrt, der läuft in die Falle der Zeitinkongruenz. Die langfristigen Kosten aus einem Zusammenbruch der Währungsunion oder auch einer hastigen Übernachtrettung könnten die heutigen Risiken deutlich übersteigen.

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