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Öl und Gas : Amerika auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit

Fracking in Colorado: Amerika fördert die umstrittene Technik Bild: AP

Die Vereinigten Staaten fördern immer mehr Öl und Gas und überholen dabei sogar Russland. Auch immer mehr europäische Unternehmen verlagern ihre Produktion nach Amerika.

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          Neulich machte diese Nachricht Schlagzeilen: Die Vereinigten Staaten seien dabei, Russland als der Welt größter Produzent von Öl und Erdgas zu überholen – oder hätten es in diesem Sommer bereits getan. Nach offiziellen Angaben lag im Juli das kombinierte Produktionsvolumen von Öl und Gas in Amerika bei umgerechnet rund 22 Millionen Barrel am Tag, das russische lag leicht darunter. Dieses Überholmanöver ist ein weiterer Beleg für eine Entwicklung, die nichts weniger ist als eine „Energierevolution“ – eine Revolution, deren Bedeutung für die Weltwirtschaft und den Wirtschaftsstandort Vereinigte Staaten gar nicht überschätzt werden kann. Fachleute in Washington sind sich einig, dass die globale Energiewirtschaft in eine neue Phase eingetreten ist.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

          Aus dem Blickwinkel der Vereinigten Staaten lässt diese Phase sich so beschreiben: In den vergangenen fünf Jahren ist die heimische Ölförderung um 50 Prozent gestiegen, die Förderung von Erdgas um 30 Prozent. Die Vereinigten Staaten importieren heute viel weniger Öl und Gas als noch vor ein paar Jahren. Sie werden dadurch allein in diesem Jahr rund 85 Milliarden Dollar sparen, was sich natürlich günstig auf ihre Zahlungsbilanz auswirken wird. Und während sie sich im vergangenen Jahrzehnt noch auf den Import von Flüssiggas vorbereitet hatten, bauen sie gegenwärtig Terminals für dessen Export.

          Wären diese Anlagen schon heute in Betrieb, wären die Vereinigten Staaten der größte Flüssiggasexporteur der Welt. In etwa einer Generation wird nahezu die gesamte Energie, welche Amerika dann verbrauchen wird, auch in Amerika produziert werden – im Jahr 2005 lag die Importquote noch bei 30 Prozent. Während andere Staaten sich künftig weitaus mehr Gedanken um ihre zuverlässige Energieversorgung machen müssen, sind die Vereinigten Staaten schnurstracks auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit. Und sie sind ebenfalls auf dem Weg, wieder ein hochattraktiver, wettbewerbsfähiger Industriestandort zu werden.

          Europäische Unternehmen verlagern ihre Produktion nach Amerika

          Der neue Öl- und Gasboom hat schon eine riesige Investitionswelle in Gang gesetzt. Der renommierte Energiefachmann Dan Yergin spricht von Hunderten Milliarden Dollar. Die Investitionen werden in der Energiewirtschaft getätigt und in Branchen, in denen die geringere Energiekosten eine erhebliche Rolle spielen, insbesondere also in der chemischen Industrie. In den Vereinigen Staaten liegen die Energiekosten um zwei Drittel bis drei Viertel unter denen in Europa. Mit anderen Worten: Der potentielle Konkurrenzvorteil ist immens. Europäische Unternehmen reagieren darauf bereits mit der Verlagerung ihrer Produktionsstandorte – nach Amerika, vor allem in den Südwesten des Landes.

          Es gibt mehrere Gründe für die Energierevolution eines Landes, das vor ein paar Jahren wegen seines hohen Energieverbrauchs und seiner ebenso hohen Treibhausgasemissionen noch am Pranger stand. Das ist einmal die Möglichkeit, dank neuer Technik horizontale Bohrungen anbringen zu können. Das erlaubt die Erschließung neuer Lagerstätten und die Wiederöffnung früherer Ort. Der andere, damit verbundene Grund ist das hydraulische Aufbrechen von geologischen Formationen, in denen Schiefergas lagert, das sogenannte „Fracking“. Die Möglichkeit, Schiefergas und „nichtkonventionelles Öl“, zum Beispiel Ölsände in Kanada, zu vergleichsweise geringen Kosten fördern zu können, sei die größte Innovation des 21. Jahrhunderts, sagt Yergin. In den Vereinigten Staaten gibt es von Pennsylvania im Osten bis Kalifornien im Westen viele Schiefergaslagerstätten, die Jahrzehnte ausgebeutet werden können.

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