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„Alternative für Deutschland“ : Eine bürgerliche Graswurzelbewegung gegen den Euro

Der deutschen Volkswirtschaft hätten die wiederkehrenden starken Aufwertungen der Mark nicht schlecht bekommen, sie war zu Innovationen gezwungen. Für die Bevölkerung bedeute eine Währungsaufwertung einen Kaufkraftgewinn. „Der ehemalige Wirtschaftsminister Karl Schiller nannte das die soziale Dividende.“ Seit dem Jahr 2000 habe aber die Massenkaufkraft nicht mehr zugelegt, hingegen seien die Bezüge der Dax-Konzerne exorbitant gestiegen. Der Tübinger Ökonom will damit sagen, dass der Euro zwar der exportorientierten Industrie geholfen habe, doch den allgemeinen Wohlstand nicht gefördert habe. „Schauen Sie in die Schweiz, trotz einer scharfen Aufwertung boomt dort die Wirtschaft und die Arbeitslosenquote liegt bei 2,5 Prozent“, ruft Starbatty.

Auf dem Podium Mitglieder der "Alternative für Deutschland": Joachim Starbatty (v.l.), Beatrix von Storch, Konrad Adam und Alexander Gauland.

Zeitweilig klingt es auf der Pressekonferenz wie in einem währungstheoretischen Proseminar an der Universität. In der Politik ist Lucke noch völlig unerfahren, wie er selbst zugibt. Aber der Zuspruch der Bürger mache ihm Mut. „Wir sind eine Graswurzelbewegung“, meint er. Angefangen hat die Partei mit 55 Unterstützern, von denen mehr als die Hälfte einen Professorentitel trägt. Inzwischen seien es schon 2000 Mitglieder, nach nur einer Woche an der Öffentlichkeit.

Drei Kernpunkte habe das Programm der „Alternative für Deutschland“: Sie fordern einen „Stopp der Eurorettung“, zudem kritisieren sie „die ausufernde Bürokratie und das Demokratiedefizit in der EU“ und zuletzt wollen sie „die Degenerierung des Parlamentarismus und der demokratischen Kultur“ aufhalten. Denn die nationalen Parlamente seien im Zuge der Euro-Rettung völlig eingeschüchtert worden und zu Statisten verkommen. Als weiteren Programmpunkt nennt Lucke eine Vereinfachung des „hyperkomplizierten deutschen Steuerrechts“.

Der Ökonom Bernd Lucke am Pult


Draußen vor der Halle drängen sich inzwischen die Massen. Als die Türen öffnen, strömen 1200 Bürger in die Stadthalle von Oberursel nördlich von Frankfurt. Bis auf den letzten Platz ist die Halle und die große Tribüne belegt, einige stellen sich sogar noch im Foyer auf Zehenspitzen. Es ist ein sehr bürgerliches Publikum. Viele der älteren Herren tragen Krawatte, manche haben ihre Gattinnen mitgebracht. Lucke schafft es in seiner Rede mit einigen verbalen Angriffen auf die „alternativlose“ Bundeskanzlerin erstaunlich schnell, den Saal zum Kochen zu bringen. Der Polit-Neuling hat nun endlich seine hanseatische Höflichkeit abgelegt. „Wir haben eine Regierung, die sich nicht an Recht und Gesetz und die Verträge gehalten hat und die einen eklatanten Wortbruch gegenüber der deutschen Bevölkerung begangen hat“, sagt Lucke. Immer wieder braust Applaus auf.

Aber es klingt auch Skepsis unter den Fragenden durch, ob die kleine neue Partei eine Chance habe, zur Bundestagswahl anzutreten. Wie Lucke es schaffen wolle, in zwei Monaten bis Mitte Juli in jedem Bundesland 2000 Unterstützerunterschriften zu sammeln, um zur Wahl zugelassen zu werden. „Wir schaffen das mit Ihrer Mitarbeit. Hier sind 1200 Leute, mit Ihnen bekommen wir die Unterschriften ohne weiteres zusammen.“

Euro-Skeptiker im Publikum

Das italienische Kamerateam beobachtet aufmerksam, welche Spannung sich hier zusammenbraut. Die Euro-Skepsis ist längst im Euro-Kernland angekommen.

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