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Konjunktur : Wachstum legt nur eine Pause ein

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Bild: FAZ.NET

Kein Wachstum im vierten Quartal 2005 - das klingt nicht gut. Doch viele Experten sind der Meinung, daß die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wieder Fahrt aufgenommen hat. Der ZEW-Indikator bleibt auf hohem Niveau.

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          Die deutsche Wirtschaft hat zum Jahresende 2005 nur stagniert. Experten gehen aber davon aus, daß das Wachstum seitdem wieder in Fahrt gekommen ist.

          Die Wirtschaftsleistung blieb im vierten Quartal zum Vorquartal unverändert, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Im Sommer hatte die Wirtschaft noch um 0,6 Prozent zugelegt. „Positive Wachstumsimpulse kamen im Vorquartalsvergleich ausschließlich von den Investitionen, insbesondere von den Bauten“, erklärten die Statistiker. Diese Impulse seien jedoch vor allem durch sinkende Ausgaben der Verbraucher und des Staates ausgeglichen worden.

          Weniger Wachstum auch in anderen Ländern

          Zum Vorjahresquartal legte die Wirtschaftsleistung am Jahresende um 1,0 Prozent zu, bereinigt um die Zahl geringerer Arbeitstage um 1,6 Prozent. Das Amt bestätigte die bereits Mitte Januar veröffentlichte Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes von 0,9 Prozent für das Jahr 2005. Das Statistikamt hatte damals schon eine Stagnation der Wirtschaftsleistung im Schlußquartal 2005 angedeutet. Volkswirte hatten dagegen bis zuletzt mit einem Wachstum von 0,2 Prozent gerechnet. Details zum BIP legt die Behörde am 22. Februar vor.

          Starker Export allein reicht nicht aus

          Auch in anderen Ländern, etwa in den Vereinigten Staaten oder Frankreich, hatte die Wirtschaft im vierten Quartal an Fahrt verloren. In der Euro-Zone hat sich das Wirtschaftswachstum im Schlußquartal halbiert, wie das Europäische Statistikamt am Dienstag mitteilte. Das BIP habe im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent zugelegt.

          Konsum sinkt vier Quartale in Folge

          Während in Deutschland dem Bau zum Jahresende die auslaufende Eigenheimzulage und das milde Wetter geholfen haben dürften, bremsten die sparsamen Verbraucher das Wachstum erneut. Der private Konsum sank nach bisherigem Stand sogar erstmals vier Quartale in Folge.

          Für HVB-Analyst Andreas Rees belegt dies die Ungleichgewichte in der deutschen Wirtschaft. Während die Firmen ihre Kosten stark gesenkt und sich selbst wettbewerbsfähiger getrimmt hätten, seien die Bürger durch hohe Arbeitslosigkeit und die Angst vor dem Jobverlust verunsichert. Auch der bisherige Motor Außenhandel konnte dem Wachstum kaum Impulse verleihen.

          Diverse Indikatoren nähren die Hoffnung

          Seit Jahresanfang allerdings haben diverse Konjunkturindikatoren die Hoffnung genährt, daß das Wirtschaftswachstum inzwischen wieder angezogen hat. So hatte der Ifo-Geschäftsklimaindex im Januar den höchsten Stand seit dem Boomjahr 2000 erreicht.

          Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort Wasserstein warnte deshalb davor, wegen des schwachen Schlußvierteljahres bereits vom Ende des Aufschwungs zu sprechen. „Alle Indikatoren, die uns vorliegen, deuten schon auf eine Beschleunigung im ersten Quartal hin.“

          DIHK hebt BIP-Prognose an

          Passend zu dieser Beobachtung fällt die Frühjahrsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) positiv aus. Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft gewinnt der Umfrage zufolge in diesem Jahr an Kraft und wird allmählich auch den Arbeitsmarkt erreichen.

          Der DIHK hob in der am Dienstag veröffentlichten Prognose für das Wirtschaftswachstum von 1,5 auf 2,0 Prozent an. Damit ist der Verband deutlich optimistischer als die Bundesregierung und die meisten Institutionen und Banken (siehe auch: DIHK: Aufschwung in Deutschland gewinnt an Kraft).

          ZEW-Konjunkturerwartungen sinken nur schwach

          Für eine Konjunkturerholung in Deutschland spricht auch, daß sich die ZEW-Konjunkturerwartungen stabilisiert haben. Im Februar seien sie geringfügig um 1,2 Punkte gesunken, blieben aber auf einem hohen Niveau, teilte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mit. Der Indikator stehe nun bei 69,8 Punkten nach 71,0 Punkten im Januar. Damit liege er weit über seinem historischen Mittelwert von 34,9 Punkten.

          Die aktuelle Konjunktursituation in Deutschland werde angesichts steigender Gewinne inländischer Unternehmen deutlich positiver bewertet. Der Indikator für die aktuelle Konjunkturlage steigt von minus 31,6 Punkten auf minus 19,5 Punkte im Februar. Für die Untersuchung wurden 303 Analysten und institutionelle Anleger nach ihren mittelfristigen Erwartungen bezüglich der Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung befragt.

          EU-Finanzminister reagieren gelassen

          Unterdessen haben die Finanzminister der Europäischen Union und die EU-Kommission gelassen auf das Stagnieren der deutschen Wirtschaft reagiert. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sagte am Rande eines Treffens mit einem EU-Kollegen am Dienstag in Brüssel, er sehe die Aussichten für dieses Jahr weiter optimistisch. Die Bundesregierung erwarte ein Wachstum von 1,4 Prozent, nachdem die Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 0,9 Prozent gewachsen sei, sagte er.

          EU-Währungskommissar Joaquin Almunia sagte, die Kommission bleibe bei ihren Erwartungen für einen Aufschwung in diesem Jahr, auch wenn die deutschen und französischen Zahlen des letzten Quartals 2005 schwach ausfielen. Trotz Risiken etwa durch die Preisentwicklung an den Energiemärkten gebe es Grund zu vorsichtigem Optimismus.

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