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Konjunktur : Tempolimit für den Euro

  • -Aktualisiert am

Starke Wechselkursschwankungen stellen Exportwirtschaft vor Probleme Bild: dpa

Ein Euro ist wieder so viel wert wie ein Dollar. Für die Exportwirtschaft ist vor allem das Tempo des jüngsten Kursanstiegs Grund zur Besorgnis.

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          Montag, der 15. Juli, ist ein Tag, der in die Wirtschaftsgeschichte eingehen dürfte. Erstmals seit Februar 2000 schaffte der leidgeprüfte Euro den Sprung über die Marke von einem Dollar, die psychologisch wichtige Parität ist hergestellt. Während sich Urlauber über billigere Reisen nach Amerika freuen können, sinnieren Ökonomen dagegen noch über die konjunkturellen Folgen der plötzlichen Euro-Stärke.

          „Ein schwächerer Dollar ist eine schlechte Nachricht für Europa und europäische Unternehmen, die in den USA stark engagiert sind," warnt etwa Haydn Davies, Barclays-Chefvolkswirt. Dagegen wittert ifo-Chef Hans-Werner Sinn beim derzeitigen Wechselkurs noch keine Gefahr für die deutsche Exportwirtschaft oder für einen konjunkturellen Aufschwung. Auch Bundesbank-Präsident Ernst Welteke übt sich in Zuversicht. Zwar habe der aus den Wechselkursen resultierende Wettbewerbsvorteil der deutschen Unternehmen durch den Euro-Anstieg zuletzt ein wenig gelitten, dieser befinde sich aber noch über dem langjährigen Schnitt. Ab wann wird also der starke Euro zu einer tatsächlichen Bedrohung des lauen und zudem exportabhängigen Aufschwungs?

          Fünf Prozent Exportwachstum

          Für die meisten Experten steht fest, dass ein wieder erstarkter Euro beziehungsweise ein schwächelnder Dollar als solches noch keine Gefahren für die deutschen Ausfuhren darstellt. Laut Angaben des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) werden gerade mal 15 Prozent der deutschen Ausfuhren in Dollarpreisen berechnet, der weitaus größte Teil wird hingegen in Euro fakturiert. Im langjährigen Mittel sei der deutsche Außenhandel um sechs Prozent pro Jahr gewachsen, selbst in Jahren mit einem wesentlich schwächeren Dollar.

          „Wir haben Anfang des Jahres ein Exportwachstum von fünf Prozent prognostiziert und möchten das nicht zurücknehmen“, sagt BGA-Präsident Anton Börner. Entscheidend für die Exporteure sei weniger der Euro-Kursanstieg, als vielmehr die Geschwindigkeit mit der die Einheitswährung klettert. Starke Wechselkursschwankungen werfen die Planung der Unternehmen über den Haufen und verursachen höhere Kosten beim Hedging.

          Herdentrieb des Devisemarktes

          Nun kann man allerdings einen Euro-Anstieg von 14 Prozent innerhalb von nur drei Monaten als einen relativ flotten Anstieg bezeichnen. Noch rechnen viele Devisenspezialisten damit, dass das Ende der Fahnenstange bald erreicht sein dürfte. Als Argument wird angeführt, dass es sich aktuell weniger um eine fundamental gerechtfertigte Euro-Stärke als vielmehr um eine Dollar-Schwäche handelt, die ihre Ursache im erschütterten Vertrauen der internationalen Investoren hat.

          Dabei wird allerdings vernachlässigt, dass umgekehrt auch die Euro-Schwäche als fundamental nicht gerechtfertigt bezeichnet wurde - und dennoch wurde die Einheitswährung immer weiter nach unten geprügelt. Dem Herdentrieb gerade des Devisenmarktes ist in solchen Fällen kaum mit rationalen Argumenten zu begegnen. Sollte sich darüber hinaus die Reihe an spektakulären Bilanzfälschungen in der nächsten Zeit fortsetzen, dann würden auch weiter ermutigende Konjunkturdaten aus Amerika nicht ausreichen, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.

          „Wenn der Euro weiter in dem Tempo steigt, dann hätten die Exporteure ein echtes Problem“, muss auch Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen zugeben, der aber an ein derartiges Szenario derzeit nicht glauben möchte. Die meisten Ökonomen rechnen mit einem Pendeln des Euro-Kurses um die Parität in den kommenden Monaten. „Das ist zwar nicht gerade ein Exportförderprogramm, aber auch kein Bereich, der den Aufschwung ersticken wird“, ist Solveen zuversichtlich.

          Gegenläufige Konjunktureffekte

          Dabei spielt auch eine Rolle, dass ein starker Euro durchaus positive Konjunktureffekte hat. So verbilligen sich viele Vorprodukte für die exportorientierten Industrien und auch die Inlandsnachfrage dürfte dank fallender Preise gestärkt werden. Aufgrund der tendenziell sinkenden Inflationsrate rückt darüber hinaus eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank weiter in die Ferne.

          Als Paradebeispiel für die gegenläufigen Effekte kann der Chemiekonzern BASF dienen. Einerseits ist der Ludwigshafener Chemieriese exportorientiert, leidet also theoretisch unter einem zu starken Euro. Andererseits verbilligen sich viele Rohstoffe, die der Konzern auf dem Weltmarkt zumeist in Dollar zahlen muss. Außerdem hat ein globaler Konzern wie BASF Produktionsstätte in aller Welt, die die regionalen Märkte beliefern. „Über 90 Prozent dessen, was wir in den USA verkaufen, ist auch dort produziert“, verdeutlicht eine Sprecherin die Entwicklung.

          Dass man auch mit einer starken Währung Exportweltmeister werden kann, machte zuletzt die japanische Wirtschaft vor. Obwohl sich der Yen in den vergangenen Monaten auch durch Interventionen der Notenbank nicht von einem Höhenflug gegen den Dollar abhalten ließ, kletterten die Exporte aus Nippon im Mai so stark wie seit eineinhalb Jahren nicht mehr.

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