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Konjunktur sorgt für Jobs : Selbständigmachen ist kein Thema

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Bei Selbständigen sehr beliebt: Co-Working-Räume. Bild: Frank Röth

Die Bundesrepublik gilt ohnehin nicht als gründungsfreudiges Land. Angesichts guter Arbeitsmarktdaten geht die Zahl der Selbständigen noch einmal zurück.

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          Sich mit einer Firma selbstständig zu machen - das ist momentan kein Thema in Deutschland. Die Wirtschaft läuft, Fachkräfte finden Arbeit und gehen nicht das Risiko einer eigenen Existenzgründung ein. „Die Zahl der Neugründungen hat einen Tiefstpunkt erreicht“, sagte der Ehrenvorsitzende des in Rostock ansässigen Bundes der Selbstständigen in Mecklenburg-Vorpommern, Jörg Drenkhahn, in einer Umfrage. Im internationalen Vergleich sind die Deutschen ohnehin nicht besonders gründungsfreundlich.

          Drenkhahn schätzt, dass derzeit lediglich ein Prozent der Deutschen im Erwerbsfähigenalter neue Existenzen gründen. Die Selbstständigenquote liegt freilich höher. Nach Angaben des Statistischen Amtes waren zuletzt 9,4 Prozent der Erwerbstätigen ihr eigener Chef. Anders bei anderen Nationalitäten: „15 Prozent der Ausländer, die hier leben, machen sich selbstständig“, sagte Drenkhahn. Überwiegend seien es Osteuropäer wie Rumänen, Ukrainer und Russen, die im Dienstleistungsbereich oder im Handwerk Ein-Mann- Unternehmen gründen. Manchmal würden sie auch Landsleute einstellen. Häufig gewählte Branchen seien das Bau- und Elektrohandwerk und der IT-Bereich, aber auch Reinigungsfirmen oder Imbisse würden eröffnet. In Rostock berate der Bund zwei Ärzte aus dem Irak, die sich niederlassen wollen.

          Ein Weg aus der Arbeitslosigkeit

          Das nachlassende Interesse an Neugründungen spürt auch die Handwerkskammer Schwerin. „Seit zwei Jahren ist das Beratungsgeschäft rückläufig“, sagte Unternehmensberater Wilfried Dobbertin. Es sei mit der besser werdenden Konjunktur gekippt. Früher seien 55 bis 60 Prozent der Beratungen mit Neugründern geführt worden, heute nur noch 35 bis 40 Prozent. Handwerksbetriebe in den Branchen Heizung, Sanitär, Elektro suchten Fachkräfte - da gebe es keine Motivation, sich selbstständig zu machen. Auch die politischen Rahmenbedingungen seien heute nicht mehr wie zu Zeiten der stark geförderten Ich-AGs vor mehr als zehn Jahren. 2011/12 stellte die Bundesarbeitsagentur den Gründungszuschuss vom Rechtsanspruch auf Ermessen um - das heißt, in den Branchen, in denen Fachkräftenachfrage herrschte, wurden keine Gründungen mehr gefördert.

          Eine Folge des Rückgangs: Für ältere Unternehmer ist es heute schwerer, einen Betriebsnachfolger zu finden. Noch hätten nicht viele Betriebe geschlossen werden müssen, weil kein Nachfolger gefunden wurde, sagte Dobbertin. Für Unternehmer ist der Erlös aus dem Betriebsverkauf in der Regel die Altersvorsorge.

          Nach Angaben des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung ist die Zahl der gewerblichen Existenzgründungen in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2004 und 2014 von gut 13 400 auf knapp 4700 gesunken. Rückgänge gab es bundesweit, aber so stark - um zwei Drittel - waren sie nur im Osten. Die Gründungszuschüsse durch die Bundesarbeitsagentur verringerten sich in Mecklenburg-Vorpommern noch stärker: Von 2856 im Januar 2010 auf 655 im Januar 2016. „Die Existenzgründung ist ein möglicher Weg aus der Arbeitslosigkeit“, sagte die Chefin der Regionaldirektion Nord, Margit Haupt-Koopmann. Arbeitslose machten sich durchweg im weniger kapitalintensiven Dienstleistungsbereich selbstständig. Die drei wichtigsten Branchen seien Handel, Gesundheits- und Sozialwesen und das Baugewerbe.

          Das Wirtschaftsministerium unterstützt vor allem wissensbasierte und technologieorientierte Neugründungen. Diese seien für das Innovationspotential und damit für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft besonders relevant, teilte ein Sprecher mit. Das Sozialministerium fördert Existenzgründer mit Mikrodarlehen von höchstens bis zu 20.000 Euro sowie mit Bildungsschecks, vor allem für die kaufmännische Weiterbildung. Fehlende Kenntnisse in der Buchhaltung führen Drenkhahn zufolge häufig zum Scheitern von Existenzgründern. Laut Bundesarbeitsagentur sind über 50 Prozent von ihnen auch fünf Jahre nach der Gründung noch selbstständig.

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