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Konjunktur : Pessimismus bei Unternehmen und Verbrauchern im Euro-Raum

Stillstand Bild: ap

Die Konjunktur im Euro-Raum kommt nicht in Schwung. Die Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern will sich nicht bessern. Bankvolkswirte hoffen auf eine Zinssenkung der Europäische Zentralbank.

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          Die Konjunktur im Euro-Raum kommt nicht in Schwung, im Gegenteil: Eine neuerliche Abschwächung ist angesichts zahlreicher Risiken nicht auszuschließen. Diesen Schluss erlauben eine Reihe von Konjunkturdaten, die zum Ende der Woche veröffentlicht wurden.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nach Angaben der EU-Kommission blickten im Februar sowohl die Industrieunternehmen (ohne Bau) als auch die Verbraucher skeptischer in die Zukunft. Die entsprechenden Indikatoren des Industrie- und Verbrauchervertrauens gingen zurück. Allein im Einzelhandel wurde die Stimmung im Euro-Raum deutlich weniger schlecht eingeschätzt.

          Aufgeteilt nach Ländern sticht im Februar besonders Frankreich hervor: Industrie- und Konsumentenvertrauen ließen in der zweitgrößten Wirtschaft des Euro-Raums stärker nach als in den anderen Euro-Staaten.

          Zinssenkung der EZB erwartet

          Die Erwartungen von Bankvolkswirten richten sich nun auf die Europäische Zentralbank (EZB), die am Donnerstag der kommenden Woche mit einer Zinssenkung neue Hoffnung sähen soll. Mehrere Geldpolitiker aus dem obersten Führungsgremium der EZB haben in den vergangenen Tagen verbal ein geringeres Vertrauen in die Stärke der erwarteten wirtschaftlichen Erholung gezeigt. Ausweislich der Zukunftssätze an den Geldmärkten erwarten die Händler für kommende Woche eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent.

          Bundesbank-Präsident Ernst Welteke betonte in Bombay, die Inflation im Euro-Raum werde in diesem Jahr unter zwei Prozent bleiben; damit bleibe Raum für geldpolitische Maßnahmen. Das Wachstum im Euro-Raum werde nur knapp über ein Prozent erreichen, sagte Welteke. Der Internationale Währungsfonds wird seine Wachstumsprognose für den Euro-Raum von 2,3 auf 1,3 Prozent zurücknehmen, hieß es vor einer Woche beim Treffen der G7-Finanzminister.

          Aktuelle Schwäche belastet das gesamte Jahr

          Die europäischen Vertrauensindikatoren der Industrieunternehmen und vor allem der Verbraucher gelten als vergleichsweise parallel zur Konjunktur laufend. Der aktuelle Fall der Indikatoren deutet damit eher auf eine wirtschaftliche Abschwächung im ersten Quartal als auf eine schlechtere Einschätzung der künftigen Aussichten hin.

          Fachleute warnen aber davor, dass eine aktuell stagnierend-schwache Wirtschaftsentwicklung das gesamte Jahr belasten werde. Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Deka-Bank, sagte: „Nach einem schwachen Winterhalbjahr wird die Belebung ab der Jahresmitte nur gemäßigt ausfallen.“

          Schwaches Wachstum zum Jahresschluss

          Und bislang deutet alles auf ein sehr schwaches Winterhalbjahr hin. In Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft im Euro-Raum, wuchs die Wirtschaft laut am Freitag veröffentlichten Daten um 0,4 Prozent, immerhin leicht stärker als die 0,3 Prozent im dritten Quartal. Im Gesamtjahr aber legte das italienische Bruttoinlandsprodukt real nur um 0,4 Prozent zu - so schwach wie zuletzt 1993.

          In Deutschland hat die Volkswirtschaft zum Jahresschluss 2002 stagniert. Frankreich hatte ein Wachstum von 0,2 Prozent im vierten Quartal gemeldet, Spanien von 0,3 Prozent.

          Für den Jahresbeginn sieht es nicht viel besser aus. Beispiel Deutschland: Die Auftragseingänge in der Industrie sind zuletzt deutlich gesunken. Der Maschinenbau sieht auch die Auslandsaufträge wackeln. Über dem Außenhandel schwebt drohend die Euro-Aufwertung.

          Ölpreise drücken Inflationsrate nach oben

          Belastend wirkt neben der Unsicherheit über die Irak-Krise auch der steigende Ölpreis, der die Realeinkommen und damit den Konsum drückt. Schon zeigt sich das Ölpreisplus, aber auch die Belastung durch Energiesteuern in der Inflationsrate. Für den Euro-Raum hat Eurostat, das statistische Amt der EU-Kommission, die Teuerungsrate im Februar auf 2,3 Prozent geschätzt, nach 2,2 Prozent im Januar. Das wäre zwar ein leichtes, aber doch das erste Plus seit Oktober 2002.

          Verbrauchervertrauen rauscht in den Keller

          Steigende Ölpreise würden vor allem den privaten Verbrauch belasten. Ohnehin ist besorgniserregend, dass die Stimmung unter den Verbrauchern im Euro-Raum weiter fällt. Der entsprechende Indikator rauscht seit September 2002 in den Keller.

          Ein politischer Grund dafür sind Kriegsängste, ein wirtschaftlicher Grund aber ist die zunehmende Arbeitslosigkeit. In Deutschland ist nach einer Meldung der „Bild“-Zeitung vom Freitag die Zahl der Arbeitslosen im Februar um 25.000 auf 4,648 Millionen gestiegen. Üblicherweise liegen die Bild-Vorabveröffentlichungen recht nahe an den offiziellen Zahlen, die die Bundesanstalt für Arbeit erst am 6. März veröffentlichen wird.

          Frankreich meldete am Freitag, dass die Zahl der Arbeitslosen im Januar um 17.000 auf 2,324 Millionen gestiegen ist. Das war der dritte monatliche Anstieg in Folge. Gerade in Frankreich fiel der Indikator des Verbrauchervertrauens im Februar besonders stark.

          Gespaltene Entwicklungen

          Im Gegensatz zum Fall des Verbrauchervertrauens erstaunte am Freitag der Rutsch des Industrievertrauens im Euro-Raum. Umfragedaten aus den einzelnen Mitgliedstaaten im Euro-Raum hatten noch vor wenigen Tagen eine Verbesserung angezeigt. Vor allem der Anstieg des deutschen Ifo-Geschäftsklimaindex im Februar hatte viele überrascht; aber auch in Italien und Belgien hatte sich das Klima gemäß nationaler Indikatoren verbessert. Die nun veröffentlichten Daten für den gesamten Euro-Raum weichen davon zum einen aus methodischen Gründen ab.

          Zum anderen aber zeigen die von der EU-Kommission bereitgestellten Daten, dass die Stimmung in Europa geteilter kaum sein könnte. In vier Ländern ging der Indikator des Industrievertrauens nach oben, in vier Ländern nach unten und in drei Ländern blieb er konstant.

          Die Unterschiedlichkeit der Entwicklungen lässt manche Volkswirte dann doch wieder hoffen, dass die Talfahrt gerade in der Industrie ihren Boden gefunden haben könnte. Nicht mehr zu fallen heißt aber noch lange nicht, dass die Wirtschaft schnell und mit kräftigem Schwung wieder aufsteht.

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