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Konjunktur : Lebenszeichen vom Konsumenten

Containerumschlag im Hamburger Hafen Bild: dpa

Der Konsum stützt die deutsche Konjuktur. Die Politik muss nun das Vertrauen stärken, dass Europas Staaten sich ihrer Schulden nicht über Inflation zu entledigen versuchen.

          3 Min.

          Zwei Jahre Aufschwung liegen hinter der deutschen Wirtschaft, eine ungewisse Zukunft vor ihr. Manche sprechen von einer Wand voller Risiken. Sämtliche Frühindikatoren sind deutlich gefallen. An den Finanzmärkten herrscht größte Nervosität. Die europäische Staatsschuldenkrise spitzt sich zu, die bisherigen Rettungsversuche laufen ins Leere. Dagegen hat sich die Realwirtschaft bislang sehr gut gehalten. Den meisten Unternehmen geht es blendend. Nur ist die Zuversicht geschwunden, dass es so bleibt. Über acht Monate war das Ifo-Geschäftsklima im Sinkflug. Die jüngste minimale Erholung ist ein kleiner Hoffnungsschimmer.

          Erst der Export, dann die Investitionen

          Der Aufschwung der vergangenen zwei Jahre hat alle Erwartungen übertroffen. Wie Phönix aus der Asche war die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft aus der Rezession des Jahres 2009 emporgestiegen. Deutschlands Konjunkturkurve sah aus wie ein steiles V - dem tiefen Absturz um fünf Prozent folgte der steile Wiederaufstieg. Erst schob der Export, vor allem in die Schwellenländer. Dann trieben die Investitionen die Konjunktur.

          2010 schaffte Deutschland fast vier Prozent Wachstum, dieses Jahr werden es rund drei Prozent. Das Vorkrisenniveau wird inzwischen übertroffen. Die anderen Industriestaaten erlebten dagegen nur eine schleppende Erholung oder stecken weiter tief im Schlamassel. Die Spätfolgen der geplatzten Blasen in Bau- und Bankensektor belasten; die Staatsfinanzen sind tief im roten Bereich.

          Halb Südeuropa, dessen fehlende Wettbewerbsfähigkeit in die Überschuldung geführt hat, liegt am Boden. Griechenland quält sich in einer Spirale aus Rezession und Sparprogrammen. Auch in Portugal und Spanien, vielleicht gar in Italien schrumpft die Wirtschaftsleistung. Die Euro-Schwergewichte Italien und Spanien müssen beunruhigend hohe Zinsen zahlen, um von den Kapitalmärkten noch Kredit zu bekommen. Längst hat die Schuldenkrise die Banken erfasst, die viele Anleihen halten.

          All diese Faktoren verdüstern den Konjunkturausblick für die exportorientierte deutsche Industrie. Im September sind ihre Aufträge um mehr als vier Prozent gesunken. Aus dem Euroraum gingen die Bestellungen sogar um zwölf Prozent zurück. Die Produktion ist im September um drei Prozent geschrumpft. Das sind Vorboten einer starken Konjunkturbremsung. Im Winterhalbjahr droht Deutschland Stagnation, im Euroraum eine „milde Rezession“, wie die Europäische Zentralbank warnt.

          Es besteht aber durchaus Hoffnung, dass Deutschland sich zumindest etwas vom Abwärtstrend des restlichen Euroraums abkoppeln kann, weil die Binnennachfrage sich stabil entwickelt. Es stimmt ja gar nicht, dass Deutschlands Wirtschaft rein vom Export lebe, wie im weniger wettbewerbsfähigen Ausland zuweilen säuerlich behauptet wird. Schon im vergangenen Jahr gingen mehr als zwei Drittel des Wachstums auf das Konto der inländischen Nachfrage, überwiegend getrieben von den Investitionen.

          Nun, da sich die Weltwirtschaft abschwächt und aus dem Ausland kaum noch positive Impulse kommen, wird die Binnennachfrage zur wesentlichen Stütze. Viele Unternehmen haben in neue Maschinen und Ausrüstungen investiert, zudem erlebt der private Wohnungsbau einen Aufschwung. Er profitiert von niedrigen Hypothekenzinsen und der Flucht in die Sachwerte. Seit dem Sommerquartal legt nun auch der private Konsum auf breiter Front zu.

          Die Unsicherheit wegen der Staatsschulden ist enorm

          Die Verbraucher können sich mehr leisten, weil mit zunehmender Dauer des Aufschwungs das Volkseinkommen zunimmt. In diesem Jahr hat die Inflation vom Lohnanstieg viel weggenommen. Im kommenden Jahr dürften die Reallöhne trotz der Konjunkturabschwächung endlich stärker wachsen, sagt der Sachverständigenrat voraus. Wichtig für die Verbraucherstimmung ist der robuste Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung liegt mit 41Millionen auf einem Rekordwert, die Arbeitslosenquote von weniger als sieben Prozent sticht im internationalen Vergleich positiv heraus.

          Über dieses Bild legen sich jedoch Schatten. Südeuropas Schuldenstrudel könnte auf den Euro-Kern übergreifen und zu einem neuen Finanzkrach führen. Vor drei Jahren hat die deutsche Wirtschaft schon einmal erlebt, wie sich über Nacht volle Auftragbücher in Nichts auflösten, wie plötzlich Finanzierungen am seidenen Faden hingen, weil Banken kaum noch Kredite vergaben. Enorm ist die Unsicherheit wegen des Staatsschulden-Endspiels und der Verluste im Finanzsektor. Unternehmen und Bürger werden vorsichtiger. Selbst wenn es nicht zum ganz großen Krach kommt, wird manche Investition verschoben, Haushalte zögern bei kreditfinanzierten Anschaffungen.

          Neben den öffentlichen Schulden beunruhigt das Thema Inflation viele Deutsche. Will die Politik die Konjunktur stützen, muss sie das Vertrauen stärken, dass Europas Staaten sich ihrer Schulden nicht über Inflation zu entledigen versuchen. Stattdessen müssen sie Strukturreformen für mehr Wachstum wagen und sich auf einen langfristigen Konsolidierungspfad begeben, ohne kurzfristig die Nachfrage vollends abzuwürgen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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