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Konjunktur : Ifo-Geschäftsklima trübt sich erneut ein

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Noch läuft das Geschäft mit der Außengastronomie: In der Branche wächst die Sorge vor steigenden Infektionszahlen und dem Herbst. Bild: dpa

Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank im August auf 99,4 Punkte von 100,7 Zählern im Juli und damit den zweiten Monat in Folge. Die Umfrage des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut unter rund 9000 Managern ist ein Frühindikator für den kommenden Herbst.

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          Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im August zum zweiten Mal in Folge verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima sank gegenüber dem Vormonat um 1,3 Punkte auf 99,4 Zähler, wie das Ifo-Institut am Mittwoch in München bekanntgab. Analysten hatten zwar mit einem Rückgang des wichtigsten Konjunkturbarometers für Deutschland gerechnet, dabei aber 100,4 Punkte veranschlagt.

          Die Eintrübung geht auf weniger optimistische Erwartungen der Unternehmen zurück. „Insbesondere im Gastgewerbe und im Tourismus wachsen die Sorgen“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Ihre aktuelle Lage bewerteten die Unternehmen dagegen etwas besser als im Vormonat. Lieferengpässe bei Vorprodukten in der Industrie und Sorgen wegen steigender Corona-Infektionszahlen belasteten jedoch die Konjunktur.

          Lager sind leergefegt

          Wegen Lieferengpässen und steigender Kosten für Vorprodukte wollen viele deutsche Industriebetriebe ihre Preise heraufsetzen. „70 Prozent der Industriebetriebe klagen inzwischen über Engpässe bei Vorprodukten“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe am Mittwoch zu der Umfrage seines Instituts. Im Juli waren es 64 Prozent. Besonders Halbleiter, Metalle und Kunststoffe seien knapp. Dadurch steigen die Einkaufspreise. Jedes zweite Industrieunternehmen wolle wegen der stark gestiegenen Kosten nun selbst seine Verkaufspreise erhöhen. Auch jeder zweite Einzelhändler habe das vor. „Die Preiserhöhungen pflanzen sich quer durch die deutsche Wirtschaft fort“, sagte Wohlrabe.

          Die Lage sei in der Industrie noch immer sehr gut, aber der Ausblick auf die kommenden Monate bereite Sorge. Auch die Exporterwartungen seien zwar gesunken, blieben jedoch auf einem guten Niveau. Viele Betriebe versuchen inzwischen, die Nachfrage aus dem Fertigteillagern zu bedienen. „Die Folge: Die Lager in der Industrie sind de facto leergefegt“, sagte der Ifo-Experte.

          Vielen Dienstleistern bereitet derweil die vierte Corona-Welle große Sorgen. „Die Infektionszahlen steigen, das hat die Erwartungen in Gastgewerbe und Tourismus regelrecht einbrechen lassen“, sagte Wohlrabe dazu. „Der Optimismus der vergangenen Wochen ist hier komplett weg.“ Dagegen wird in der Baubranche optimistischer nach vorn geschaut, zumal sich hier die Materialknappheit etwas entspannt hat. Nur noch 37 Prozent der Baubetriebe klagen darüber, auf dem Höhepunkt im Juni waren es noch 46,2 Prozent.

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          Laut Jörg Krämer von der Commerzbank fürchten sich die Unternehmen vor den Auswirkungen der begonnenen vierten Corona-Welle. Entsprechend seien  die Geschäftserwartungen im Einzelhandel und bei den Dienstleistern stärker eingebrochen als in anderen Branchen. „Die Befürchtungen der Unternehmen sind berechtigt. Es ist bei weiter steigenden Infektionen wahrscheinlich, dass die Politiker wie bei zurückliegenden Wellen trotz der weit fortgeschrittenen Impfungen weitere Beschränkungen erlassen“, betont Krämer. Zudem werde die Industrieproduktion, die bereits seit Jahresanfang trotz einer starken Nachfrage sank, zumindest bis zum Jahresende als Konjunkturmotor ausfallen. „Wegen der vierten Welle, des Materialmangels und weil der Aufholprozess im Dienstleistungsbereich nach den Lockerungen im Frühjahr mittlerweile weitgehend abgeschlossen ist, dürfte das Wachstum der deutschen Wirtschaft im vierten Quartal massiv nachlassen“, so der Ökonom.

          Impffortschritt wirkt positiv

          Dagegen sprach Fritzi Köhler-Geib davon, dass viele deutsche Haushalte nach den Lockdowns ungewöhnlich viel Geld in der Tasche hätten und nun wieder lange entbehrte Dienstleistungen etwa des Gastgewerbes nachfragen würden. „Vor allem die deutlichen Impffortschritte machen dies möglich“, betonte die KfW-Chefsvolkswirtin. „Gleichzeitig erweisen sich die Materialengpässe in der Industrie und im Bau aber hartnäckiger als zunächst erwartet und dämpfen trotz guter Nachfrage die Produktion.“

          Der erwartungsgetriebene Rückgang passe, denn laut Köhler-Geib ist die weitere Luft nach oben hin begrenzt. Materialengpässe würden sich nur graduell lösen und mit der sich abzeichnenden vierten Welle infolge der ansteckenden Delta-Variante nehmen auch die pandemiebezogenen Sorgen erneut zu. „Wir haben unsere BIP-Prognose für 2021 deshalb leicht auf 3,0 Prozent nach unten revidiert.“

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