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Konjunktur : Europäische Unternehmen fassen Zuversicht

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Unerwartet ist der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex im Februar deutlich gestiegen. Auch in anderen Euro-Staaten fassen die Unternehmen Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. Ifo-Chef Sinn sagt: Deutschland steht nicht am Rande einer Rezession.

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          Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Februar überraschend aufgehellt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für Westdeutschland stieg von 87,4 auf 88,9 Punkte, teilte das Wirtschaftsforschungsinstitut am Dienstag in München mit.

          Damit wurden die Erwartungen vieler Experten übertroffen. Diese hatten mit einer Stagnation oder einem leichten Minus des Frühindikators gerechnet. Im Januar hatte sich der Index erstmals nach siebenmonatiger Talfahrt leicht verbessert.

          Unabhängig von der positiven Nachricht fiel der Deutsche Aktienindex auf ein Sechs-Jahres-Tief. Der Euro erzielte gegenüber dem Dollar nach Veröffentlichung des Ifo-Index leichte Gewinne.

          Nicht am Rande der Rezession

          Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sagte, die deutsche Wirtschaft stehe nicht am Rande einer Rezession. „Für Deutschland insgesamt verdichten sich die Anzeichen auf eine Wende zum Besseren.“ Sinn sieht für Deutschland dennoch ein Jahr der Stagnation voraus. Das Ifo-Institut hatte erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose leicht von 1,1 auf 0,9 Prozent gesenkt.

          Der Ifo-Geschäftsklimaindex für Westdeutschland gilt als ein vergleichsweise zuverlässiger Frühindikator der Konjunktur. Von November bis Januar hatte der Ifo-Indikator bei 87,3 und zuletzt bei 87,4 Punkten gelegen. Analysten hatten das als mögliches Zeichen einer Stabilisierung gedeutet.

          Keine rasche Erholung

          Bankvolkswirte warnten auch am Dienstag davor, den Anstieg des Ifo-Indikators überzubewerten. Die aufgehellte Stimmung passe in das Bild einer Konjunkturbelebung im Herbst. Gegen einen raschen Aufschwung sprächen aber der hohe Rohölpreis, die Euro-Aufwertung und die Unsicherheiten rund um die Irak-Krise.

          Nach einer Faustregel zeigt der Ifo-Indikator eine Trendwende der Konjunktur an, wenn er drei Monate in Folge steigt. Damit kommt es nun auf den Monat März an.

          Zu der Aufhellung des Klimas hat im Februar vor allem eine bessere Bewertung der aktuellen Geschäftslage beigetragen. Die Unternehmen schätzten aber auch die Geschäftserwartungen über die kommenden sechs Monate leicht besser ein.

          In den neuen Bundesländern hellte sich das Geschäftsklima schon zum dritten Mal in Folge auf. Dort lag der Index im Februar bei 101,9 Punkten, nach 97,5 Punkten im Januar.

          Einzelhandel überrascht positiv

          Laut Einschätzung von Ifo-Volkswirt Gernot Nerb wird die Verbesserung mittlerweile auch von der bis zuletzt schwachen Inlandsnachfrage getragen. „Man erwartet sich von der Inlandskonjunktur jetzt doch leicht positive Impulse“, sagte Nerb. Die Binnenkonjunktur ist in der exportabhängigen und reformmüden deutschen Volkswirtschaft das Sorgenkind.

          Nach Wirtschaftssektoren aufgeteilt, werde die Verbesserung der Lage von der Industrie und „überraschenderweise“ vom Einzelhandel getragen, sagte Nerb. Allein im Bauhauptgewerbe hat sich das Klima wieder verschlechtert.

          Stagnierendes Wirtschaftswachstum zum Jahresschluss

          Die Aufhellung der Stimmung unter den Unternehmen könnte auch den anhaltenden Spekulationen den Boden nehmen, die deutsche Wirtschaft rutsche im Winterhalbjahr in eine Rezession hinein. Nerb sagte: „Das erste Quartal ist nach dem, was wir jetzt haben, nicht rezessionsverdächtig.“

          Am morgigen Mittwoch wird das Statistische Bundesamt die erste Schätzung für das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2002 veröffentlichen. Volkswirte erwarten, dass das reale Bruttoinlandsprodukt zum Jahresschluss leicht geschrumpft ist, nach einem Plus von 0,3 Prozent im dritten Quartal. Zwei Quartale in Folge mit einer schrumpfenden Wirtschaft werden als „technische Rezession“ bezeichnet. Ein Minus von 0,1 Prozent, wie es für das Schlussquartal prognostiziert wird, ist angesichts der Messungenauigkeiten aber eher als Stagnation denn als Schrumpfung zu werten.

          Die französische, die zweitgrößte Wirtschaft im Euro-Raum ist nach ersten Angaben im Schlussquartal 2002 nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen.

          Stimmungsaufhellung auch in Italien und in Belgien

          Auch andere Stimmungsindikatoren unter Unternehmen hatten in den vergangenen Monaten eine gewisse Stabilisierung signalisiert, mit der Hoffnung auf Besserung. Das gilt sowohl für Deutschland wie für andere Länder des Euro-Raums. So ist der Indikator für das Unternehmensvertrauen im Februar in Italien deutlich von 93,8 auf 94,2 Punkte gestiegen. Das berichtete das italienische Umfrageinstitut Isae am Dienstag. Im Dezember hatte der Indikator noch mit 92 Punkten ein Zehn-Monats-Tief markiert.

          Schon am Montag hatte Belgien eine überraschende Verbesserung des Geschäftsklimas gemeldet, das zuvor steil gefallen war. Der kleinen belgischen Wirtschaft messen Volkswirte eine Schlüsselfunktion zu als Vorlaufindikator für den gesamten Euro-Raum.

          Zurückhaltende französische Verbraucher

          Realwirtschaftliche Konjunkturdaten deuten dagegen unverändert auf eine anhaltende Wirtschaftsschwäche im Euro-Raum hin. Die Ausgaben der französischen Verbraucher etwa sind im Januar um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat gefallen. Es war der zweite Rückgang in drei Monaten. Allerdings ist es auch nicht ungewöhnlich, dass die Stimmungsindikatoren lange vor den realwirtschaftlichen Daten ins Positive drehen.

          Doch im Gegensatz zur allmählichen Aufhellung der Stimmung bei den Unternehmen weist der Trend beim Konsumentenvertrauen derzeit eher nach unten. Gründe dafür sind die Sorgen um den Arbeitsplatz und über einen möglichen Irak-Krieg. EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte sich am Wochenende besorgt darüber gezeigt, dass die Stimmung unter den Verbrauchern im Euro-Raum schlechter werde.

          Das Ifo-Barometer spiegelt die Einschätzung der laufenden Geschäfte und die Erwartungen für die kommenden sechs Monate wider. Der Geschäftsklima-Index stützt sich auf eine Umfrage bei 7.000 Firmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, dem Baugewerbe sowie dem Groß- und Einzelhandel.

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