https://www.faz.net/-gqe-71lbp

Konjunktur : Die Unsicherheit nährt die Krise

Container im Hamburger Hafen Bild: ddp

In ihren Euro-Rettungsbemühungen konnten sich die deutschen Politiker bislang auf eine höchst stabile Wirtschaft stützten. Doch nun trübt sich die Lage der deutschen Konjunktur deutlich ein.

          3 Min.

          Von der schlechten wirtschaftlichen Lage in den meisten Euro-Ländern haben die Deutschen bisher kaum etwas mitbekommen. Wenn man von einigen Einzelhandelsketten absieht, die trotz einer grundsätzlich guten Konsumstimmung Schwierigkeiten haben, geht es den Unternehmen weiterhin sehr gut. Exporte in ferne Länder haben fehlende Bestellungen aus dem Süden Europas ausgeglichen oder gar überkompensiert. Auf dem Arbeitsmarkt ist die Lage entsprechend rosig; auch die Steuereinnahmen sprudeln munter.

          Mitten in die Sommerferien platzen nun aber Nachrichten, die darauf hindeuten, dass die Welt nach der Rückkehr aus dem Urlaub für die Deutschen nicht mehr ganz so sonnig aussehen wird. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juli stärker gesunken als erwartet. Hinzu kommt, dass der Indikator zum dritten Mal in Folge gefallen ist. Das wird von Volkswirten als Zeichen für eine Trendwende betrachtet. Auch die am Tag zuvor veröffentlichten Einkaufsmanager-Umfragen haben nicht hoffnungsvoll gestimmt.

          Bilderstrecke

          Nun sollte man die Kirche im Dorf lassen, mit einer Rezession ist nach wie vor nicht zu rechnen. Doch lastet die Industrie ihre Kapazitäten schon spürbar weniger aus. Und auch im Großhandel und der bisherigen deutschen Konjunkturlokomotive Bau trübt sich die Stimmung ein. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist in Deutschland zuletzt nicht mehr so stark ausgefallen wie sonst für die Jahreszeit üblich.

          Der Eindruck von einer deutlich spürbaren Verlangsamung des Wachstums verstärkt sich, wenn man die jüngsten Quartalszahlen aus der Unternehmenswelt studiert. Das Bild ist hier zwar selten einheitlich, es gibt durchaus Unternehmen, die ihre Prognosen für 2012 bestätigen. Und doch stimmt es sehr nachdenklich, wenn ausgerechnet beim Hamburger Hafenbetreiber HHLA die schwächere Konjunktur die Gewinnpläne zunichte macht. Nachdem die Reedereien ihre Fahrpläne angepasst haben, rechnet der HHLA-Vorstand im laufenden Jahr nun mit einem geringeren Containeraufkommen und weniger Gewinn als bislang. Es ist seine zweite Prognosesenkung binnen zehn Wochen. Schon einen Tag zuvor hatte der amerikanische Logistikkonzern UPS seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr gekappt, weil die Kunden immer unruhiger werden. Und ein Konzern wie UPS muss es wissen: Die Kunden des Konzerns aus Atlanta kommen aus allen Branchen und allen Regionen.

          Die Reedereien kappen ihre Fahrpläne

          Mit Blick auf die amerikanische Konjunktur fällt die Meinung des Vorstands von UPS ohnehin ganz eindeutig aus. Die bisherigen Wachstumsschätzungen sind seiner Ansicht nach zu hoch. In der Halbleiterindustrie sind die Zahlen schon seit geraumer Zeit nicht gut. Infineon hat das längst gesagt; auch der Wettbewerber Texas Instruments glänzt derzeit nicht. Toshiba hat soeben bekanntgegeben, die Produktion seiner Speicherchips um 30 Prozent herunterzufahren. Hauptkunde von Toshiba ist Apple mit seinem iPhone. Und auch Apple hat mit seinen Zahlen soeben die Anleger enttäuscht. In einem einzigen Quartal hat Apple auch schon einmal 11 Millionen iPhones mehr verkauft als im vergangenen. So ist es kein Wunder, dass dem Halbleiter-Zulieferer und Chemiekonzern Wacker Chemie der anhaltende Preisverfall im Solar- und Halbleitergeschäft weiter zu schaffen macht, weshalb er seine Umsatzprognose kappte. Schon im Vorquartal waren Umsatz und operatives Ergebnis zurückgegangen.

          Gerade das Europageschäft hat den weltgrößten Stahlhersteller Arcelor-Mittal in den vergangenen Monaten schwer belastet und es verdüstert wohl auch die Aussichten des Wettbewerbers von Thyssen Krupp, wo die Geschäfte ebenfalls schon besser liefen. Europa bleibe die größte Sorge, heißt es bei Arcelor; die Absatzprognose für die Region wurde weiter zurückgenommen. Dazu passt, dass der amerikanische Autohersteller Ford für 2012 nun mit einem Milliardenverlust in seinem Europa-Geschäft rechnet. Der Fehlbetrag werde sich 2012 auf mehr als 1 Milliarde Dollar belaufen nach bislang geschätzten 500 bis 600 Millionen Dollar. Und selbst ein Unternehmen wie Daimler, das mit seinen Zahlen eher positiv überrascht und seine Gewinnprognose bestätigt hat, will lieber wachsam bleiben: Ausdrücklich wird im Quartalsbericht auf die derzeit bestehenden Unsicherheiten und Risiken verwiesen.

          Diese Unsicherheit wird weiterhin mit Händen zu greifen sein. Am Donnerstag veröffentlichen deutsche Industrie-Schwergewichte wie BASF, Siemens und die Deutsche Bahn ihre Zahlen für das vergangene Quartal. Die Verunsicherung, die durch die vielen ungelösten Fragen rund um die Euro- und Staatsschuldenkrise weiter befeuert wird, bringt ein Problem mit sich: Es wird in der Folge weniger investiert. So verstärkt sich der Abwärtstrend. In diesen Tagen wird klar, dass die komfortable Situation, in der sich die deutschen Politiker in ihren Euro-Rettungsbemühungen auf eine höchst stabile Wirtschaft stützten konnten, Vergangenheit ist. Die Unsicherheit nährt die Krise, jetzt auch in Deutschland.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Krise: Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), Markus Söder (CSU) und Tobias Hans (hinten rechts), neben Hans: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

          Corona-Pandemie : Jetzt ist entschlossenes Handeln gefragt

          Womöglich stehen wir vor einer neuen exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus. Die Vorzeichen sind ganz anders als im Frühjahr – doch auch für eine lokale Eindämmung der Pandemie müssen die Ministerpräsidenten jetzt eine gemeinsame Linie finden.
          Wie auf dem Markt in Ashdod bereiten sich Israelis überall im Land auf die Ausgangsbeschränkung vor.

          Landesweiter Lockdown : Israels selbstverschuldetes Corona-Neujahrschaos

          Trotz einer der höchsten Neuinfektionsraten der Welt offenbart das Krisenmanagement in Israel große Mängel. Noch kurz vor dem Beginn des Lockdowns ändert Israels Regierung manche Regeln. Und Netanjahus eigener Corona-Beauftragter äußert scharfe Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.