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Konjunktur : Deutsche Wirtschaft stagniert

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Volkswirte sind überrascht: Der Außenhandel hat die deutsche Wirtschaft zum Jahresende 2002 gebremst. Dagegen sind die Ausrüstungsinvestitionen zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder gestiegen.

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          Die deutsche Wirtschaft befand sich zur Jahreswende in der Stagnation. Diesen Schluss legen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts über das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal des vergangenen Jahres nahe. Den am Mittwoch veröffentlichten Angaben zufolge schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) saisonbereinigt gegenüber dem Vorquartal um 0,032 Prozent so leicht, dass die Statistiker zur „roten Null“ gegriffen haben, um das Wachstum abzubilden.

          Volkswirte privater Banken zeigten sich überrascht. Sie hatten im Schnitt mit einem Minus von 0,1 Prozent gerechnet. Auch die Deutsche Bundesbank hatte in der vergangenen Woche angedeutet, dass sie mit einer echten Schrumpfung der Wirtschaftsleistung rechne.

          Auf Basis dieser Annahmen war es in den vergangenen Tagen zu einer erneuten Rezessionsdiskussion gekommen, die nun an Gehalt verliert. Volkswirte vermuten, dass das Bruttoinlandsprodukt auch im ersten Quartal dieses Jahres schrumpfen könnte. Dagegen spricht allerdings die bessere Einschätzung der Lage durch die Unternehmen im Ifo-Geschäftsklimaindex Februar.

          Für das Gesamtjahr 2002 meldet das Statistische Bundesamt wie schon Mitte Januar unverändert ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent.

          Überraschung 1: Ein Investitionsplus

          Wichtiger als die exakte Wachstumsgröße im vierten Quartal ist, dass die Daten eine Verschiebung der Wachstumskomponenten zum Jahresschluss anzeigen. Erstmals seit Herbst 2000 weisen die Ausrüstungsinvestitionen wieder mit 1,4 Prozent ein durchaus ansehnliches Plus auf. Das lässt nach Ansicht etwa der Commerzbank-Ökonomen zumindest die Hoffnung zu, dass die Talfahrt hier zu Ende gehe. Die Deka-Bank-Volkswirte sind noch skeptischer: Angesichts der derzeit freien Kapazitäten und allerorten geringen Auslastung dürfte es sich bei dem Investitionsplus wohl vor allem um Ersatzinvestitionen handeln. Solche Nachholeffekte deuten kaum auf eine beginnende Wende hin.

          Das geringere Plus der Bauinvestitionen sei eher zeitweiser Natur und auf die Beseitigung der Flutschäden in Ostdeutschland zurückzuführen, heißt es bei der Commerzbank. Geschoben haben könnten hier auch die Bemühungen der privaten Haushalte, noch in den Genuss der Eigenheimzulage zu kommen, meinen die Volkswirte der Deka-Bank.

          Überraschung 2: Der Außenhandel bremst

          Insgesamt wuchs die inländische Verwendung um 0,5 Prozent und damit so stark wie zuletzt im Frühjahr 2000, obwohl die Konsumausgaben der Privaten weniger stark stiegen und die des Staates sogar zurückgingen.

          Der Export legte im vierten Quartal mit 0,3 Prozent deutlich geringer als noch im Spätsommer (2,1 Prozent) zu. Weil das Importwachstum sich weniger stark abschwächte, ging der Außenbeitrag deutlich zurück. Rein rechnerisch zehrte der Außenhandel damit die schwachen Wachstumsimpulse aus dem Inland auf.

          Das ist ein ungewohntes Bild, hat doch der Außenhandel in den vergangenen Quartalen in der Regel die Impulse geliefert, die das schwache Binnenwachstum ausglichen und überkompensierten.

          Aussichten nicht rosig

          Die weiteren Aussichten sind vorerst nicht rosig. Volkswirte warnen, dass mit der Euro-Aufwertung die Wachstumsimpulse aus dem Außenhandel über längere Zeit ausbleiben könnten.

          Hinzu kommt als belastender Faktor, dass von dem privaten Konsum vorerst keine Impulse zu erwarten sind. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei Invesco Asset Management, führt das auf die gestiegene Arbeitslosigkeit, die höheren Sozialbeiträge und das damit sinkende Verbrauchervertrauen im ersten Quartal zurück. Im vierten Quartal hatte sich der private Konsum schon abgeschwächt und war nur noch um 0,1 Prozent nach zuvor 0,4 Prozent gewachsen.

          Krämer etwa bleibt wie die Deka-Bank-Volkswirte bei ihrer Einschätzung, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal sinken werde. Andreas Scheuerle von der Deka-Bank betont, dass auch die Investitionsaussichten angesichts der mangelnden Absatz- und wirtschaftspolitischen Perspektiven schlecht seien. Damit hänge der Aufschwung doch wieder an der Hoffnung auf eine ab Jahresmitte anziehende Exportnachfrage.

          Rote Null gleich rote Laterne

          Die „rote Null“ im vierten Quartal beim Wirtschaftswachstum dürfte Deutschland auf jeden Fall erneut die rote Laterne im Euro-Raum einbringen. Spanien etwa meldete am Dienstag ein Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent im vierten Quartal, nach zuvor 0,8 Prozent.

          Für die viertgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum ist das Wachstum von 0,3 Prozent aber so schwach wie seit einem Jahr nicht mehr. Wie die deutsche litt auch die spanische Volkswirtschaft zur Jahreswende unter einer nachlassenden Exportnachfrage. Im gesamten Jahr 2002 wuchs die spanische Volkswirtschaft um zwei Prozent - so langsam wie zuletzt 1993.

          Deutsche Defizitquote leicht gesenkt

          Mit den konkreten Zahlen für das vierte Quartal ist die Defizitquote, die Deutschland im vergangenen Jahr erwirtschaftete, leicht gefallen. Hatte das Statistische Bundesamt bisher ein Haushaltsdefizit gemessen am BIP von 3,7 Prozent genannt, hat sie diese Zahl nun auf 3,6 Prozent gesenkt. An der Beurteilung der Qualität der Finanzpolitik im vergangenen Jahr wie an den schwierigen Aussichten für dieses Jahr, das Maastricht-Kriterium von drei Prozent einzuhalten, ändert die Revision aber nichts.

          Gegenüber dem Vorjahr wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 0,5 Prozent, halb so stark wie noch im dritten Quartal.

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