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Konjunktur der Industrie : Besser wird’s nicht

Brummt die Konjunktur weiter? Ein Messinstument für Durchflussmessung auf der Hannover Messe. Bild: dpa

Den auf der Hannover Messe ausstellenden Branchen Maschinenbau, Elektrotechnik und IT geht es sehr gut. Aber die Industrie warnt: Die Konjunktur hat ihren Höhepunkt erreicht.

          3 Min.

          Wie lange dauert dieser Aufschwung, der bereits im neunten Jahr anhält? Auf der größten Industriemesse der Welt gehen die Meinungen auseinander. Während die Einzelverbände VDMA für den Maschinenbau und ZVEI für die Elektroindustrie von hohen Wachstumsraten ausgehen, warnt der BDI, der für die gesamte deutsche Industrie spricht.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Maschinenbauer haben ihre Produktionsprognose für das laufende Jahr nach oben korrigiert. Die bisher avisierten 3 Prozent Plus, die nach mehreren Jahren des Stillstands ohnehin schon als Ausweis wachsender Zuversicht galten, sind seit Montag passé, jetzt geht der Branchenverband VDMA von 5 Prozent aus. Und zwar vor allem dank „recht dynamischer Auftragseingänge“, wie VDMA-Präsident Carl Martin Welcker sagte.

          Schon im vergangenen Jahr waren aus prognostizierten 3 Prozent Wachstum nach einem starken Schlussquartal 3,9 Prozent geworden. Der Aufschwung der Maschinenbauer hält also an. Ähnlich optimistisch ist die Elektroindustrie. Nach einem Umsatzzuwachs von 7 Prozent auf 192 Milliarden Euro im vergangenen Jahr sei man auch in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um 6 Prozent gewachsen. Für das Gesamtjahr bleibt ZVEI-Präsident Michael Ziesemer bei der nach seinen Worten konservativen Prognose von einem Umsatzzuwachs von 3 Prozent.

          BDI dämpft Erwartungen

          Pessimistischer zeigt sich der BDI, der für alle Industrieverbände spricht. Zwar erwartet BDI-Präsident Dieter Kempf noch 2,25 Prozent reales Wachstum, also nach Abzug der Preissteigerungen. Aber dann sieht er ein Auslaufen des Aufschwungs. „Besser als in diesem Jahr wird die Konjunktur wohl nicht mehr.“

          Bremsend wirken sich vor allem inländische Umstände aus: Fachkräftemangel, schleppender Breitbandausbau und ausbleibende Anreize für private Investitionen. Das deckt sich mit den etwas schwächeren Konjunkturindikatoren zu Jahresbeginn. Ob sich der Negativtrend fortsetzen wird, ist allerdings unklar: Am Montag zeigte der Einkaufsmanagerindex Markit, dass sich die Stimmung wieder etwas aufhellt.

          Konjunkturdelle überwunden?

          Der für die Industrieproduktion und die Geschäftstätigkeit der Dienstleister maßgebliche Konjunkturindex ist im April um 0,2 Punkte auf 53,3 Punkte gestiegen, teilte das Londoner Marktforschungsinstitut mit. Analysten hatten mit einem Rückgang des Frühindikators gerechnet. Werte oberhalb der 50-Prozent-Marke signalisieren Wachstum. „Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat sich im April wieder stabilisiert – die Delle von Februar und März ist damit überwunden“, kommentierte Markit-Ökonom Phil Smith.

          Damit es weiter bergauf geht, fordert die Industrie Unterstützung von der Politik. In Hannover begrüßte BDI-Präsident Kempf das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Hannover Messe, in dieser Legislaturperiode die steuerliche Forschungsförderung einzuführen. Der BDI schlägt vor, dass 10 Prozent der Personalausgaben für Forschung und Entwicklung auf die Steuerlast angerechnet werden dürfen. Die Zusage Merkels, die deutschen Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben, hält Kempf angesichts des finanzpolitischen Spielraums der öffentlichen Haushalte für zu klein.

          Handelsstreits bei der WTO beilegen – „nicht bei Twitter“

          Auch global zeigen sich Wolken am Konjunkturhimmel. Alle Verbände sorgen sich um den freien Welthandel. Zwar geht der BDI für das laufende Jahr noch einmal von einem Wachstum des Welthandels von 4 Prozent aus. Aber alle Verbände sorgt das Aufflammen internationaler Handelskonflikte, vor allem zwischen den Vereinigten Staaten und China.

          Die Konfliktfreude des amerikanischen Präsidenten und ihre Auswirkungen seien „ein nicht zu unterschätzendes Risiko für unsere Produktionsprognose“, warnte VMDA-Präsident Welcker. Eine globale Welle des Protektionismus werde die Branche unmittelbar treffen. Wen er als Hauptschuldigen der Entwicklung sieht, war unüberhörbar: „Der Ort für die Beilegung von Handelsstreitigkeiten ist die WTO“, sagte er, „und nicht Twitter.“

          Lob für Handelsabkommen mit Mexiko

          Sehr gelobt wurde auf der Messe das einen Tag vor der Veranstaltung vereinbarte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Mexiko, dem wichtigsten Partner Europas in Lateinamerika. Allein das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Mexiko hat nach Angaben von Merkel im abgelaufenen Jahr um 25 Prozent auf gut 20 Milliarden Euro zugenommen. Merkel stellte sich gegen Trumps Protektionismus mit einem Zitat des deutschen Forschers Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die von Leuten, die sich die Welt nie angeschaut haben.“

          Wachstumsgefahren gehen auch weiterhin von den Brexit-Verhandlungen Großbritanniens mit der EU aus. Die Direktinvestitionen in Großbritannien seien binnen Jahresfrist um 85 Prozent gesunken, sagte BDI-Geschäftsführer Joachim Lang. Die Zeit für ein Handelsabkommen, das die EU-Mitgliedschaft ablöst, dränge und sei aus heutiger Sicht kaum noch in der zur Verfügung stehenden Zeit auszuhandeln. „Die Briten müssen endlich mal sagen, ob sie einen Vertrag wie die Schweiz, wie Kanada oder wie Norwegen mit der EU haben wollen“, drängte auch Kempf.

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