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Konjunktur : Das japanische Pandemierätsel

Die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 4,8 Prozent im vergangenen Jahr liegt dem deutschen Minus von 5 Prozent nahe. Bild: Reuters

Japan hat die Pandemie weit besser im Griff als westliche Staaten. Doch die Wirtschaft schrumpfte im vergangenen Jahr ähnlich stark wie die deutsche. Wie kommt das?

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          Japan hat die Pandemie weit besser im Griff als westliche Staaten. Doch die Wirtschaft schrumpfte im vergangenen Jahr ähnlich stark wie die deutsche. Das Kabinettsbüro in Tokio bezifferte am Montag das Minus des realen Bruttoinlandsprodukts in einer vorläufigen Schätzung mit 4,8 Prozent. Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt ein Minus von 5 Prozent berechnet. Diese Parallelität ist überraschend, weil Japan in der Covid-Krise im Westen oft als Vorbild hergehalten hat. Wie kommt das?

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Japan griff während des ausgerufenen Virusnotstands im Frühjahr weit weniger stark in das Leben der Bürger ein als andere Regierungen. Das Gros der empfohlenen Maßnahme von der sozialen Distanzierung bis zur Schließung mancher Geschäfte war freiwillig und wurde nicht durch staatliche Sanktionen erzwungen. Der Virusnotstand wurde deshalb oft als freiwilliger oder leichter „Lockdown“ beschrieben. Erst vor wenigen Wochen wurden Strafen eingeführt, wenn die Menschen sich nicht an die staatlichen Empfehlungen halten. Dabei registriert Japan eine deutlich niedrigere Zahl an Infektionen und Covid-Toten als Deutschland. In Deutschland gibt es mehr als 780 Covid-Tote auf 1 Million Einwohner, in Japan sind es nur 55. Deutschland zählt mehr als 28.000 Infektionen je 1 Million Einwohner, Japan nur rund 3000.

          Tatsächlich belastete der leichte Lockdown die Wirtschaft in Japan weniger stark als die härteren Gegenmaßnahmen im Westen. Das zeigt ein Vergleich der konjunkturellen Entwicklung, die in Deutschland und in Japan bis zum Herbst recht ähnlich verlief. Ein Minus der Wirtschaftsleistung am Jahresbeginn, dass sich im zweiten Quartal zu einer schweren Rezession auswuchs. Im Sommer setzte dann eine konjunkturelle Erholung ein. Dabei waren die Schwankungen in Japan weniger stark ausgeprägt als in Deutschland. Der private Konsum und Investitionstätigkeit der Unternehmen brachen weniger stark ein, sie erholten sich in der Folge aber auch weniger stark. Das deutet darauf hin, dass der Virusnotstand in Japan die Wirtschaft weniger stark belastete als die deutsche Anti-Viruspolitik.

          Konjunkturelle Entwicklung ist nur schwer zu erklären

          Von der zweiten Jahreshälfte an griff in Japan dann eine Subventionskampagne der Regierung zur Förderung des Binnentourismus, die die wirtschaftlichen Einbußen im Dienstleistungsbereich abmilderte. Die Kampagne ist seit Dezember ausgesetzt, nachdem die Zahl der Infektionen deutlich gestiegen war. Doch zugleich zog schon seit der Jahresmitte der Export wieder deutlich an – ähnlich wie auch in Deutschland. Der außenwirtschaftliche Anschub und eine gute Binnenwirtschaft ließen Japans Wirtschaft am Jahresschluss 2020 um 3 Prozent gegenüber Vorquartal zulegen. Deutschland schaffte nur noch eine Stagnation, nachdem die Infektionszahlen drastisch anstiegen. Das ist der bisher wichtigste Unterschied in der Entwicklung beider Staaten.

          Die nahezu gleich große Schrumpfung der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um etwa 5 Prozent ist mit dem Verlauf der konjunkturellen Entwicklung nur schwer zu erklären. Ein wichtiges Indiz aber gibt das Jahresende 2019. Japan hat im Oktober die Verbrauchsteuer angehoben und die Wirtschaftsleistung schrumpfte um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Statistisch gesehen führt diese Sonderentwicklung dazu, dass Japan mit einem sogenannten Unterhang das Pandemiejahr 2020 begann. Praktisch heißt das: die Schrumpfungsrate von 4,8 Prozent überzeichnet die wirtschaftlichen Schäden, die die Pandemie in Japan bisher verursachte.

          Tatsächlich hat sich mit dem überraschend starken Wachstum am Jahresende die Erholung stabilisiert. Mit 3 Prozent Wachstum wurden die Schätzung der Analysten von etwa 2,3 Prozent deutlich übertroffen. Die Erholung im zweiten Halbjahr verlief so gut, dass die Wirtschaftsleistung am Jahresende fast den Stand vor der Pandemie erreichte. Die wichtigsten Wachstumsfaktoren an Jahresschluss waren der Export, der um 11,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal zulegte. Der private Konsum wuchs um 2 Prozent, und die Investitionen von Unternehmen um 4,5 Prozent.

          Mit dem abermaligen Virusnotstand in den großen Ballungsräumen Japans steht dem Land in diesen Wochen eine neue Konjunkturdelle bevor. Manche Analysten erwarten ein deutliches Minus, andere eine Stagnation. Der aktuelle Virusnotstand greift dabei noch weniger in das wirtschaftliche Leben ein als im Frühjahr und trifft vor allem die Gastronomie und Hotellerie. Die ganzen Infektionszahlen sind so stark gesunken, dass über eine vorzeitige Aufhebung des Notstands diskutiert wird. Für das Gesamtjahr erwarten Volkswirte und Analysten im Durchschnitt ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent.

          Die Erholung sorgt auch für Aufschwung an der Börse. Der Nikkei-Aktienindex schloss am Montag mit mehr als 30.000 Punkten, exakt mit 30.084 Punkten, und lag damit so hoch wie seit August 1990 nicht mehr, als die damalige Börsenblase schon geplatzt war. Bis zum Allzeithoch vom Jahresende 1989 mit 38.957 Punkten hat die Börse aber noch ein gutes Stück Weg vor sich. Marktteilnehmer begründeten das große Interesse an japanischen Aktien mit der monetären Liquiditätsschwemme, mit guten Gewinnaussichten der Unternehmen, mit dem starken Wirtschaftswachstum und mit der Aussicht, dass noch in dieser Woche Japan mit Schutzimpfung gegen Covid-19 beginnen wird. Am Sonntag hatte die Regierung der deutsch-amerikanischen Schutzimpfung von Biontech/Pfizer die Zulassung erteilt. Bis die allgemeine Bevölkerung geimpft wird, werden freilich noch Monate vergehen. Japan impft erst das Pflegepersonal und dann von April die Älteren.

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