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Konjunktur : Amerikanische Widerstandskraft

  • -Aktualisiert am

New York: Die Aussichten der amerikanischen Wirtschaft haben sich verbessert Bild: AFP

Die Vereinigten Staaten verzeichnen ein überraschend starkes Quartalswachstum. Doch trotz der Erholung sind sie noch nicht über den Berg. Eine Analyse.

          3 Min.

          Die amerikanische Konjunktur hat die meisten Finanzmarktanalysten Lügen gestraft. Mit einer aufs Jahr hochgerechneten Wachstumsrate von 2,5 Prozent im dritten Quartal hat die Wirtschaft der Vereinigten Staaten sich nicht kraftvoll, aber doch deutlich von dem kaum wahrnehmbaren Wachstum im ersten Halbjahr gelöst. Der Kontrast zu den Rezessionsszenarien, die noch im August und September an die Wand gemalt wurden, könnte größer kaum sein.

          Die Entwicklung ist um so bemerkenswerter, weil der Staatskonsum zuletzt rein gar nichts mehr zum Wachstum beitrug. Das ist eine schöne und notwendige Erinnerung daran, dass trotz der übermächtig gewordenen Aufmerksamkeit für fiskalische Stimuli Wachstum und Wohlstand immer noch an privaten Märkten entstehen. Selbst die Aussicht auf die höhere Staatsschuld, die Präsident Barack Obama den Amerikanern mit seinem Plan für ein Konjunkturpaket von 447 Milliarden Dollar androht, verschreckte Konsumenten und Unternehmen für dieses Mal nicht.

          Auf kurze Sicht sparen Amerikaner mehr als Euro-Europäer

          Die Entwicklung steht in einem weiteren Gegensatz zur Konjunktur im Euroraum. Während östlich des Atlantiks eine schnelle Rezession droht und ein nur sehr mageres Wachstum nahe Null Prozent im kommenden Jahr, dürfte westlich des Atlantik die amerikanische Wirtschaft ihre Widerstandsfähigkeit beweisen. Ökonomen erwarten für 2012 mehrheitlich eine Wachstumsrate von zwischen 1,4 und 2 Prozent oder sogar ein wenig mehr, nach etwa 1,6 Prozent in diesem Jahr. Das ist keine überragende Entwicklung, aber in der sich abschwächenden Weltwirtschaft auch nicht zu verachten.

          Dieser Vergleich hinkt, meinen manche Ökonomen, weil die Europäer im Banne der Schuldenkrise doch begännen, ihre Staatshaushalte ernsthaft in Ordnung zu bringen. Auf kurze Sicht belastet das die Konjunktur, zumal mit der Ausnahme von Griechenland im Euroraum echte wachstumsförderliche Reformen rar sind. Diese Entwöhnung von der staatlichen Defizit-Droge steht den Amerikanern mit ihrem doppelt so hohen Defizit im großen Stil tatsächlich noch auf längere Sicht bevor.

          Auf kurze Sicht aber sparen die Amerikaner sogar mehr als die Euro-Europäer. Nach den Prognosen des Internationalen Währungsfonds werden die Amerikaner im kommenden Jahr ihr Staatsdefizit - gemessen am BIP - mit etwa 1,6 Prozent stärker zurückführen als die Gesamtheit der Euro-Staaten mit weniger als 1 Prozent. Der fiskalische Entzug, der den Amerikanern 2012 droht, ist größer als im Euroraum. Um so mehr reflektiert die Erwartung einer moderaten Erholung in Amerika die grundlegende Wachstumskraft, die der Euro-Wirtschaft ganz einfach fehlt. Die Defizitprognosen für die Vereinigten Staaten sind freilich noch besonders ungewiss. Die Ergebnisse der Kongress-Kommission zum Defizitabbau werden erst zum Jahresende feststehen.

          Die Aussichten für die Vereinigten Staaten haben sich zusätzlich verbessert, weil die - zumindest in Umrissen getroffene - Vereinbarung zur Euro-Rettung die Finanzmärkte zumindest vorerst beruhigt hat. Der wichtigste Ansteckungskanal über die transatlantischen Finanzverflechtungen und die Unruhe der Börsianer, die zwischen Euphorie und Angstschüben schwanken, ist damit vorerst verschlossen. Auf der güterwirtschaftlichen Seite trifft die Konjunkturschwäche im Euroraum die Vereinigten Staaten ohnedies kaum. Die Ausfuhr in den Euroraum macht gerade mal 13 Prozent des gesamten Exports aus.

          Die Vereinigten Staaten erleben eine blutleere Erholung

          Trotz der bemerkenswerten Erholung im dritten Quartal sind die Vereinigten Staaten noch lange nicht über den Berg. Im Gegensatz zu den staatlichen Stimuli haben die Investitionen der Unternehmen sich zwar als dauerhafte Stütze der Konjunktur erwiesen. Sie sind dennoch zu schwach, um einen kräftigen Aufschwung zu zünden. Die Unsicherheit über demokratische Regulierungswut und die von Obama angedrohten Steuerlasten lässt die Unternehmer zögern. Die Vereinigten Staaten erleben so zwar keinen beschäftigungslosen Aufschwung, aber eine blutleere Erholung, die zu schwach ist, um die Arbeitslosigkeit zu verringern.

          Die Aussichten für den privaten Konsum sind deshalb mehr als unsicher; die hohe Arbeitslosenquote von 9,1 Prozent drückt. Im dritten Quartal legte der private Konsum nur deshalb so deutlich zu, weil die Haushalte bei in der Summe sinkenden Einkommen auf ihr Erspartes zurückgriffen. Die Sparquote fiel drastisch von 5,1 auf 4,1 Prozent. Belastend für die Konsumenten, die Bauwirtschaft und die Gesamtwirtschaft wirkt aber vor allem die unverändert miserable Lage am Häusermarkt. Fast ein Drittel aller Hausbesitzer mit Hypothekenverträgen sind überschuldet. Bis diese Spätfolgen der unsoliden Eigenheimförderung verdaut sind, werden notgedrungen Jahre vergehen.

          Die Forderungen an die Notenbank Federal Reserve, durch einen Ankauf von Hypotheken den Häusermarkt zu stützen, nehmen zu. Ein durch die Geldpresse finanzierter Bail-out privater Hausbesitzer wäre indes der falsche Weg, würden damit doch künftige Inflationsrisiken nur noch zunehmen. Die Federal Reserve hat genug getan. Der Schluss aus dem ordentlichen Wachstum im dritten Quartal kann für die Notenbank nur lauten, abzuwarten.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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