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Konjunktur : Ab wann spricht man von einer Rezession?

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          2 Min.

          Deutschland steht nach nahezu einhelliger Einschätzung von Analysten am Rande einer
          Rezession. Nachdem die Wirtschaft von Juli bis September im Vergleich zum vorangegangenen Vierteljahr um 0,1 Prozent geschrumpft ist und bereits im zweiten Vierteljahr stagniert war, sehen einige Experten Deutschland bereits jetzt in einer „technischen“ oder „leichten“ Rezession.

          Die Angst vor einer Rezession, wie hier zu Lande zuletzt 1993 erlebt, drücke zudem auf die Stimmung in der deutschen Wirtschaft, sagen die Volkswirte. Dies zeige die hohe psychologische Wirkung des „R-Wortes", das von Politikern und Notenbankern daher nur sehr selten und höchst ungern in den Mund genommen wird.

          Definition taugt nur bedingt

          Analysten sprechen üblicherweise von einer Rezession, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Vierteljahre hintereinander zurückgeht. Nach Ansicht von Jörg Krämer, Chefvolkswirt von Invesco Asset Management, ist diese Definition für Deutschland jedoch ungeeignet. „Sie stammt aus den USA und ist nur dort sinnvoll anwendbar", sagt er. In Deutschland sei der Quartalsvergleich verzerrt, weil das Statistische Bundesamt nicht den Einfluss beweglicher Ferientermine und Feiertage herausrechnet - die BIP-Daten sind also nicht kalenderbereinigt.

          Viel aussagekräftiger sei daher der Jahresvergleich auf Basis der kalender- und saisonbereinigten Daten der Bundesbank. Danach ist das deutsche BIP im dritten Quartal zum Vorjahr noch um 0,4 Prozent gewachsen. Im letzten Vierteljahr dieses Jahres oder spätestens in den ersten drei Monaten 2002 sei aber mit einer negativen Rate zu rechnen. „Wir stehen also zweifellos kurz vor einer Rezession", sagt Krämer.

          Wichtig ist der Auslastungsgrad

          Nach Einschätzung der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland reicht es aber nicht aus, nur auf die Entwicklung der Wachstumsraten zu schauen. „Eine Rezession liegt erst dann vor, wenn bei rückläufiger Produktion der Auslastungsgrad (der Herstellungskapazitäten) unter das durchschnittliche langjährige Niveau fällt", schreiben sie in ihrem Herbstgutachten. Dies wäre in Deutschland der Fall, wenn die Produktion schrumpfen sollte.

          Nach Ansicht des Konjunkturexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Gustav Horn, ist diese Bedingung im nächsten Quartal erfüllt. Er sehe Deutschland auf dem Weg in eine Rezession, so Horn. Im Vergleich zu den vergangenen Rezessionen in Deutschland - 1974/75, 1980/82 und 1992/93 - würde sich die Wirtschaft aber weniger stark abschwächen. Daher drohe höchstens eine leichte Rezession, heißt es in dem Herbstgutachten weiter. 1993 war das BIP zum Vorjahr um 1,1 Prozent geschrumpft und auch in allen vier Quartalen im Jahresvergleich deutlich zurückgegangen, im ersten Vierteljahr sogar um 2,8 Prozent.

          Sockelarbeitslosigkeit erschwert Erholung

          Das Beispiel der „Vereinigungsrezession“ Anfang der neunziger Jahre zeigt Krämer zufolge die langfristigen Folgen dieser wirtschaftlichen Schwächephase. Die Arbeitslosigkeit sei stark angestiegen und habe sich auf hohem Niveau verfestigt. Auch in Aufschwungphasen könne dieser Zuwachs der so genannten Sockelarbeitslosigkeit nicht mehr abgebaut werden - die Zahl der Erwerbslosen steige damit dauerhaft. Dies führe zu einer erheblichen Belastung für die Sozialsysteme, die eine Konjunkturerholung erschwere.

          Einen deutlichen Indikator für eine nahende Rezession in Deutschland sehen Analysten auch in der eingetrübten Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Oktober zum ersten Mal seit acht Jahren unter 85 Punkte. Rezessionsängste belasteten die Stimmung zusätzlich, sagt Krämer. Jeder Abschwung habe auch einen selbstverstärkenden Effekt. Dem wollten Politiker und Notenbanker entgegenwirken, indem sie schon seit Wochen und Monaten gebetsmühlenartig den Satz wiederholten, es drohe keine Rezession. „Eine Rezession wird von offizieller Seite grundsätzlich erst eingeräumt, wenn es schon längst wieder aufwärts geht", sagt Krämer.

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