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Komplex Belval : Luxemburg setzt auf „Kompetenznischen“

  • -Aktualisiert am

Malerisches Luxemburg: „Wir können nicht von nationalen Souveränitätsnischen leben“ Bild: dpa

Nach Stahl und Banken wird in Luxemburg ein neues wirtschaftliches Standbein gesucht. Eine Forschungsstätte steht für den ehrgeizigen Versuch, neue Schlüsseltechnologien zu erschließen.

          3 Min.

          Es gibt im Großherzogtum Luxemburg gewiss malerischere Flecken. Im Südwestzipfel des Landes, auf einem 1997 vor den Toren der Kleinstadt Esch-sur-Alzette vom Stahlhersteller Arcelor (heute Arcelor Mittal) aufgegebenen Industriegelände, ist heute die größte Baustelle des Landes zu finden. Eine Milliarde Euro lassen sich der Staat und private Träger das Vorhaben kosten, eine neue Siedlung mitsamt Wohn- und Büroanlagen, Einkaufszentrum, Kinokomplex, Konzerthalle sowie einer Universität aus dem Boden zu stampfen.

          Die Forschungsstätte steht für den ehrgeizigen Versuch des einst vom Stahl und seit den achtziger Jahren blendend von der Finanzbranche lebenden Kleinstaats, neue Schlüsseltechnologien für die Wirtschaft und damit den Wohlstand seiner 500.000 Einwohner zu erschließen. Das Gros der Studenten der erst 2003 ins Leben gerufenen Hochschule wird von 2014 an auf dem Komplex mit dem irreführenden Namen Belval erwartet. Viele der knapp 6000 Hochschüler lernen derzeit noch auf dem Hauptcampus in der Hauptstadt Luxemburg.

          Rudi Balling arbeitet schon seit vergangenen Herbst in Belval. 2009 hat der aus der Eifel stammende Genetiker die Leitung das „Luxembourg Center für Systems Biomedecine“ übernommen. Jetzt sitzt er mit rund 80 Forschern aus aller Welt in einem achtgeschossigen weißen Neubau. Durch die Fenster geht der Blick auf einen ausgemusterten Hochofen, der die Erinnerung an ruhmreiche Zeiten der Stahlkocher wachhalten soll. 7000 Menschen sollen später einmal auf dem 120 Hektar großen Gelände wohnen, 25.000 Menschen - darunter 3000 Forscher - dort arbeiten.

          „International herausragen“

          Der quirlige Endfünfziger mit ergrautem Vollbart und Metallrandbrille führt die Besucher in die Laborräume, in denen es von Messgeräten und Bildschirmen nur so wimmelt. Hier versucht sein Team, aus einer schier unermesslichen Menge von Daten menschlicher Zellen Rückschlüsse auf die Entstehung und mögliche Behandlung degenerativer Erkrankungen des Nervensystems zu ziehen. Im Mittelpunkt steht die Erforschung der Parkinsonschen Krankheit. „Wer international herausragen will, muss sich auf etwas konzentrieren“, sagt Balling.

          Die Frage, warum er seinen Posten als Leiter des angesehenen Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung aufgegeben hat, beantwortet er augenzwinkernd: „Ein Headhunter hat mich angesprochen.“ Gereizt habe ihn nicht nur die großzügige öffentlichen Forschungsförderung von 140 Millionen Euro für fünf Jahre, sondern auch die Herausforderung, etwas Neues aufzubauen. Wie ein Trainer, der eine Mannschaft mit einer Mischung aus bewährten Kräften und Talenten um sich schare, komme er sich manchmal vor. Große Hoffnungen setzt er in die Partnerschaft mit dem angesehenen Institute for Systems Biology (ISB) im amerikanischen Ort Seattle.

          170 Forscher sollen in einigen Jahren an Ballings Institut arbeiten. Schon jetzt kann er auf 30 Informatikspezialisten bei der Herkulesaufgabe setzen, die Datenflut auszuwerten. „Es ist auch diese interdisziplinäre Herangehensweise, die mir hier gefällt“, sagt er. Freilich sei der Erfolg damit keineswegs gesichert. Laufe jedoch alles wie gewünscht, könne sich die Universität Patente sichern. „Wo es gute Forschung gibt, kann auch ein attraktiver Standort für Unternehmen entstehen“, erläutert Balling.

          Schwierige Herausforderung

          Ähnlich formuliert es der spanische Universitätsrektor Rolf Tarrach. Den Professor für theoretische Physik, dessen Vorfahren aus Deutschland stammen, hat es 2005 aus Barcelona in die Hauptstadt des Großherzogtums verschlagen. Noch hat er sein Büro in einem beschaulichen ehemaligen Klosterbau im Stadtteil Limpertsberg. Natürlich komme es darauf an, innovativen Biotechnikunternehmen Luxemburg schmackhaft zu machen. „Das ist eine schwierige Herausforderung. Ob wir sie meistern, werden wir in zehn Jahren sehen“, sagt der Rektor. Auch Wissenschaftsminister François Biltgen gibt zu bedenken: „Forschung ist immer auch mit Risiken verbunden.“ Für Luxemburg, das seinen Wohlstand jahrzehntelang maßgeblich der heimischen Stahlindustrie und zuletzt dem zur Blüte gelangten Finanzplatz verdankt habe, gelte heute: „Wir können nicht von nationalen Souveränitätsnischen leben, wir brauchen jetzt Kompetenznischen.“

          Anders als Ballings Team knüpft das Interdiscisplinary Institute for Security, Reliability and Trust (SnT) an die stark im Land präsente Informations- und Kommunikationsbranche an. In enger Tuchfühlung mit Banken, aber auch im Land ansässigen Firmen wie dem Internet-Versandunternehmen Amazon, dem Online-Telefondienst Skype oder dem Satellitenbetreiber SES Astra feilen die 75 Institutsmitarbeiter daran, die Sicherheit der Kommunikationswege zu verbessern.

          Umgekehrt unterstützt die Wirtschaft die Forschung an der Hochschule. SES Astra finanziert einen Lehrstuhl für Satellitenkommunikations- und Medienrecht, die Deutsche Bank einen Lehrstuhl für Finanzwissenschaft. Er zählt, wie die in Zusammenarbeit mit der Bankenbranche betriebene „Luxembourg School of Finance“, zur Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften. Unter ihrem künftigen deutschen Dekan Stefan Braum versucht sie auch, die Präsenz des Europäischen Gerichtshofs und anderer EU-Institutionen in Luxemburg zu nutzen, um ihr Profil zu schärfen.

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