https://www.faz.net/-gqe-a2jq3

Arbeitszeitverkürzung : Nur vier Tage arbeiten?

Ein Schiddbauer auf einer Werft in Mecklenburg-Vorpommern. Bild: dpa

Weniger arbeiten? Das kann jeder problemlos tun. Unkollegial wird es nur, wenn man auch die anderen dazu verpflichten will.

          2 Min.

          Wenn Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzungen vorschlagen, denken leistungsorientierte Leute oft: Das geht doch nicht! Aber nicht so schnell, kürzere Arbeitszeiten haben durchaus ihre Vorteile.

          IG-Metall-Vorstand Jörg Hofmann hat zumindest einen diskussionswürdigen Vorschlag vorgelegt: Unternehmen und Betriebsräte in der Autoindustrie sollen die Vier-Tage-Woche einführen können. In gebeutelten Sektoren wie dem Dieselmotoren-Bau wäre dann vielleicht weniger Stellenabbau nötig. Darüber kann man durchaus sprechen. Zwar haben kürzere Arbeitszeiten nicht nur Vorteile: Vielleicht ist es besser, wenn junge Mitarbeiter sich eine ganz andere Stelle suchen – gute Facharbeiter werden anderswo bald wieder gebraucht. Vielleicht verlangt auch der Betriebsrat so viel Lohnausgleich, dass sich die Arbeitszeitverkürzung für das Unternehmen nicht mehr rechnet. All diese Überlegungen darf man aber getrost den Unternehmen und Betriebsräten selbst überlassen. Dem Beitrags- und Steuerzahler jedenfalls ist eine saubere Arbeitszeitverkürzung lieber als jahrelange Kurzarbeit.

          Doch damit enden die Träume noch nicht. Die Linkspartei schlägt sogar eine generelle Arbeitszeitverkürzung vor. So soll Stellenabbau durch die Digitalisierung vermieden werden, die Produktivitätsfortschritte sollten allen zugutekommen. Das wiederum ist eine ganz andere Sache.

          Gut möglich, dass Deutschland bald wieder Arbeitskräfte fehlen

          Wer Arbeitskraft vom Markt nehmen will, wird sich noch umgucken. Eines Tages wird die Corona-Pandemie vorüber sein, die Demographie aber bleibt. In wenigen Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Es ist zumindest möglich, dass Deutschland in ein paar Jahren wieder Arbeitskräfte fehlen. Vor der Krise mangelte es sogar an Putzkräften und Paketboten – Deutschland konnte seinen Arbeitskräfte-Bedarf nur decken, weil so viele Menschen aus Osteuropa kamen. In so eine Lage kann Deutschland bald wieder kommen. Der technische Wandel jedenfalls hat in der Vergangenheit trotz aller Prophezeiungen nie dazu geführt, dass es insgesamt weniger Arbeit gegeben hätte.

          Kürzere Arbeitszeiten können trotzdem schön sein, keine Frage. Die Geschichte der Arbeit ist auch eine Geschichte der Arbeitszeitverkürzungen. Das hat seine Gründe. Wer weniger arbeitet, erledigt die Arbeit oft konzentrierter. Beruf und Familie lassen sich leichter vereinbaren. Doch all das ist noch lange kein Grund für eine allgemeine Pflicht.

          Jeder kann seine Arbeitszeit selbst verkürzen

          Erstens haben kürzere Arbeitszeiten auch Nachteile. Die Arbeit muss auf mehr Köpfe verteilt werden – und das bringt einen ganz eigenen Koordinationsaufwand mit sich. Personal muss ausgewählt und verwaltet werden. Und wer schon mal in einem teilzeitfreudigen Team eine Besprechung ansetzen wollte, der weiß: Es gibt oft nicht mal mehr theoretisch einen Termin, an dem alle da sind.

          Zweitens braucht es gar keine Pflicht, um Arbeitszeiten zu verkürzen. Wenn die Produktivität wächst, schlägt sich das bis heute sowieso in höheren Gehältern nieder. Diesen Fortschritt kann jeder selbst in kürzere Arbeitszeiten ummünzen. Immerhin gilt für die meisten Arbeitnehmer ein Recht auf Teilzeit. Im Kampf um qualifizierte Leute lehnen sowieso nicht mehr viele Unternehmen den Wunsch auf Teilzeitarbeit ab. Insgesamt arbeitet rund jeder Vierte Deutsche nicht mehr in Vollzeit.

          Bahn-Beschäftigte haben sich sogar das Recht herausgehandelt, ihre Gehaltserhöhungen in zusätzliche Urlaubstage umzuwandeln. Dieses Recht nehmen viele Bahner in Anspruch, denn die Urlaubstage müssen sie wenigstens nicht versteuern. Und das führt direkt zum dritten Punkt:

          Der Staat bezuschusst Teilzeit heute schon

          Der Staat bezuschusst kürzere Arbeitszeiten indirekt sowieso schon. Das liegt an der Steuerprogression: Wer 20 Prozent weniger arbeitet, bekommt netto hinterher nicht 20 Prozent weniger. Und so entscheidet sich schon heute mancher für Teilzeitarbeit.

          Schon wahr, Teilzeit gilt oft noch als Karrierehindernis. In manchen Betrieben ist Teilzeit sowieso schwer durchzusetzen – vor allem wenn andere Mitarbeiter locker 40 Stunden in der Woche anwesend sind oder sogar noch länger. Das ist ärgerlich, aber kein Grund, den anderen ihr Engagement zu verbieten.

          Wer weniger arbeiten möchte, darf das also gerne tun. Unkollegial ist es aber, wenn man die Kollegen auch dazu zwingen möchte.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weitere Themen

          Heil lässt Minijobber bangen

          12 Euro je Stunde : Heil lässt Minijobber bangen

          Das neue Mindestlohn-Gesetz des Arbeitsministers enthält keine höhere Verdienstgrenze für Minijobber. Dabei hatte die FDP im Koalitionsvertrag deren Koppelung an die Mindestlohnhöhe durchgesetzt.

          Topmeldungen

          Max Otte am Dienstag zwischen Alice Weidel und Tino Chrupalla

          Von der AfD nominiert : Otte sieht Kandidatur nicht als Provokation

          Der CDU-Politiker Max Otte will mit seiner von der AfD unterstützten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten „Gräben zuschütten“, sagt er. Der AfD-Vorsitzende Chrupalla lobt den Vorsitzenden der konservativen Werte-Union.

          IG Farben : Die segensreiche Zerschlagung eines Kartells

          Derzeit entstehen in vielen Industrien bis hin zur digitalen Plattformökonomie wieder riesige Konglomerate. Ginge es in kleineren Einheiten weiter, wäre das vermutlich besser – das zeigt ein Blick in die Geschichte der IG Farben.