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Kommentar zur Flut : Lob der Bürokratie

Hochwasser-Opfer sollen unbürokratische Hilfe bekommen. Das klingt nach freihändiger Vergabe und viel Verschwendung.

          Wahlkämpfer müssen schmerzfrei sein. Sie müssen Gummistiefel überstreifen und ins Überschwemmungsgebiet fahren, auch wenn sie dort nur im Weg stehen. Sie müssen Versprechungen machen, auch wenn man denkt, dass es jeder durchschaut. Sie müssen alte Rezepte kopieren und die immer gleichen Floskeln wiederholen, auch wenn sie sich selbst dabei langweilen. Die Wähler wollen es so. Und niemand kann das in Deutschland besser als die Kanzlerin, schon deshalb hat sie sich eine dritte Amtszeit redlich verdient.

          Jetzt hat Merkel die letzten Hemmungen überwunden und die dümmste aller Floskeln nachgeplappert, die bei einer Flutkatastrophe alle hören wollen: Sie versprach „unbürokratische Hilfe“. Würde sie das ernst meinen, müssten sich die Menschen in Deggendorf oder Grimma jetzt große Sorgen machen. Denn zu den Dingen, die das Leben hierzulande vergleichsweise angenehm machen, gehört zweifellos die Bürokratie. Das gilt auch und erst recht im Katastrophenfall.

          Die Bürokratie kann die Wassermassen zwar nicht aufhalten, zumindest nicht in jedem Fall. Sie kann aber die Hilfe organisieren, nach klaren Kriterien und nachvollziehbaren Prinzipien, mit effizienter Kompetenzaufteilung und kühlem Verstand. Von der Evakuierung gefährdeter Wohnviertel bis zum Füllen der Sandsäcke kann das nur funktionieren, wenn sich die Nothelfer nicht von der Flut des Elends hinwegspülen lassen. Sie dürfen nicht auf das Drängen von Anwohnern eingehen, die ihre Häuser nicht verlassen wollen, und müssen taub sein für das Flehen der Bauern, die ihre Maisfelder nicht als Überschwemmungsgebiet opfern mögen.

          Das abschreckende Gegenbild zeigen Fernsehbilder aus Weltregionen mit ausgeprägtem Bürokratiedefizit. Dort sieht man bei Katastrophen oft weinende Menschen mit ihrer letzten Habe in der Hand. Die Opfer und ihre Helfer rennen durcheinander, jeder ist sich selbst der Nächste, die ordnende Hand der Verwaltung ist fern. Alles ganz unbürokratisch, mit anderen Worten: unprofessionell. „Man hat nur die Wahl zwischen ,Bürokratisierung’ und ,Dilettantisierung’ der Verwaltung“, wusste schon der große Soziologe Max Weber.

          „Unbürokratisch“ ist ein Synonym für „missbräuchlich“

          Erst recht gilt das für die Hilfszahlungen, die Merkel mit ihrer Ankündigung wohl meinte. Nimmt man die Floskel wörtlich, dann kann „unbürokratisch“ nur ein Synonym für „missbräuchlich“ sein: ohne Prüfung der Bedürftigkeit, der Betroffenheit oder eigenen Verschuldens, ohne Kontrolle über die sinnvolle Verwendung des Geldes und dessen etwaige Rückzahlung. Wenn beispielsweise in Süditalien wieder einmal die Erde bebt, werden Hilfsgelder meist recht freihändig verteilt. Zu den zahlreichen Profiteuren zählt meist nicht der Wiederaufbau.

          In Deutschland ergoss sich nach der Oderflut von 1997 ein derartiger Geldsegen über ein paar brandenburgische Dörfchen, dass nach der kompletten Renovierung reichlich Geld übrig blieb. Für die polnischen Nachbarn jenseits der Grenze durfte es aber nicht verwendet werden, weil nicht bürokratische Kriterien der Bedürftigkeit den Ausschlag gaben, sondern die persönliche Befindlichkeit der unbürokratischen Spender. Und die hatten sich nun mal vom Elend allein der deutschen Opfer erweichen lassen, die allabendlich in der Tagesschau zu sehen waren.

          Wenn Merkel die versprochenen Millionen in die Krisengebiete schickt, dann sollte sie die zugehörigen Formulare tunlichst beifügen. Man muss die Überprüfung nicht in die Länge ziehen; es muss effizient zugehen. Aber zu schauen, was mit den Hilfsgeldern geschieht: Das ist die Politik nicht nur den Steuerzahlern schuldig, sondern auch den Opfern, die einen Anspruch auf faire Verteilung haben. So viel intellektuelle Kraftanstrengung muss sein, selbst im Wahlkampf.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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