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Kommentar : Lasst die Schulen in Ruhe!

Die meisten Bundesländern haben das 8-jährige Gymnasium mittlerweile wieder gestrichen. Bild: dpa

Wenn sich die Bildungspolitik nach den Wünschen der Wirtschaft richtet, ging das in der Vergangenheit meist daneben. Dabei sind nicht Reformen selbst das Problem, sondern ihre Zielsetzung.

          Mit der Schule ist es wie mit der Fußballnationalmannschaft. Fast jeder glaubt sich damit auszukennen. Die meisten haben eine eigene Meinung dazu. Und viele sind überzeugt davon, sie könnten den Laden selbst viel besser schmeißen als diejenigen, die dafür bezahlt werden. Der Unterschied ist: Bei der Nationalmannschaft hört auf die Besserwisser keiner, wenn es darauf ankommt. In der Bildungspolitik leider schon. Vor allem dann, wenn sie mit ökonomischen Argumenten hantieren.

          Erstes Beispiel: das Abitur nach acht Gymnasialjahren, kurz G8. In Deutschland seien die Abiturienten viel zu alt, weil in der Schule gefaulenzt werde, dadurch falle die Wirtschaft im internationalen Konkurrenzkampf uneinholbar zurück, jammerten Firmenchefs und Verbandsfunktionäre. Die Rente sei sowieso nur zu retten, wenn die Leute früher in den Beruf kämen. Brav beschloss ein Bundesland nach dem anderen, ein Gymnasialjahr zu streichen. Und als alle damit durch waren, wickelten die ersten die vermeintliche Jahrhundertreform zur Sicherung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit schon wieder ab. Nur Hamburg, Bremen und das Saarland halten bis heute daran fest. Bewährt hat sich G8 nicht. Auch weil viele 17-jährige Schulgänger, o Wunder, nicht schnurstracks an die Werkbänke und in die Business Schools strömten, sondern je nach Neigung erst einmal Anspruch auf ein Jahr Daddeln, Gammeln, Feiern oder Reisen anmeldeten. Viele Firmen im Land fahren überraschenderweise trotzdem Rekordgewinne ein.

          Zweites Beispiel: die sogenannte Bologna-Reform mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge. Die Stoßrichtung war dieselbe wie beim Turbo-Abitur. An den Hochschulen werde gebummelt, das gehe alles zackiger, drei Jahre Studium seien genug. Außerdem gelte es, die Studenten fit zu machen für die Globalisierung, mehr Auslandsaufenthalte seien nötig, dafür müssten die alten Titel Diplom und Magister dringend dem in den Nachbarländern üblichen Bachelor weichen. Doch wehe, als die ersten Bachelor-Ingenieure in den Firmen ankamen. Da stellte sich heraus, wie viele fachliche Zusammenhänge ihnen nicht klar waren. Ins Ausland hatte es während des Studiums kaum einer von ihnen geschafft, dafür war die Zeit zu knapp. Inzwischen hängt fast jeder, der Ingenieur werden will, ein Masterstudium dran, um diese Defizite zu beheben. Deshalb dauert das Studium für die meisten von ihnen genauso lang wie vor der Reform. Man hätte es also auch gleich bleiben lassen können.

          Nun ist es nicht so, dass G8 gegen die Menschenwürde von Schülern, Eltern oder Lehrern verstößt und zwangsläufig ins Chaos führen muss. Jedenfalls gibt es darüber wenig Berichte aus Sachsen und Thüringen, wo das achtjährige Gymnasium seit 1949 der Normalfall ist. Und es ist auch nicht so, dass Absolventen nach zwanzig Hochschulsemestern zwangsläufig klüger sind als nach acht. Beide Reformen, G8 und Bologna, wurden indes ganz offensichtlich mit der falschen Zielsetzung durchgedrückt. Nämlich damit, dass sie dem Arbeitsmarkt, der Volkswirtschaft und den Sozialkassen nützen sollten.

          Das aber ist nicht der eigentliche Zweck von Bildung, sondern eine Nebenwirkung. In der Schule geht es darum, die Schüler auf ihr Leben als Erwachsene vorzubereiten, und dieses Leben besteht aus mehr als Erwerbsarbeit. Das ist der erste Grund, warum die Wirtschaft nicht den Stundenplan diktieren sollte, wie sie es zurzeit mit dem Ruf nach der Durchdigitalisierung der Schulen schon wieder versucht. Die Firmen haben am Ende sogar viel mehr davon, wenn die Leute auch noch etwas anderes im Kopf haben als das, was die Stellenbeschreibung von ihnen verlangt. Wo sonst soll die Kreativität herkommen, die allenthalben beschworen wird? Außerdem zeigt die Erfahrung, wie wenig es bringt, die bildungspolitischen Wünsche von Firmen und Verbänden zu erfüllen. Manager und Vorstandsvorsitzende, die immer noch für G8 in die Bresche springen, muss man jedenfalls lange suchen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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