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Fintechs : Silicon Frankfurt

Der Frühling kommt nach Frankfurt – und mit ihm neue Fintechunternehmen. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Digitalisierung macht vieles neu in den Banken. Höchste Zeit, dass Frankfurt da mitspielt um am Ball zu bleiben. Doch warum haben die großen Ideen meistens woanders ihren Ursprung? Eine Analyse.

          Der Soho Club von Frankfurt ist schon fast fertig. Lounge-Sofas und Designersessel stehen in dem loftartigen Raum direkt am Main. Fehlt nur noch die Bibliothek, ein Billardtisch oder eine X-Box-Spielekonsole. Der Soho Club soll keine Bar werden. Hier soll einmal die Bankenzukunft entstehen, in verspielter Atmosphäre, wie bei Google. Der Raum mit der großen Fensterfront ist Teil von Frank Niehages Vorstellung eines Fintech-Zentrums Frankfurt.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Niehage leitet die Fintech-Group, unter deren Dach der frühere Deutschland-Chef der Schweizer Bank Sarasin mehrere Finanztechnologie-Unternehmen zusammengefasst hat. Am bekanntesten ist der Online-Broker Flatex, über den Privatleute zu günstigen Preisen Aktien handeln können. Ertragreicher ist die BIW-Bank, die für viele andere Finanzunternehmen Bankgeschäfte erledigt und über die nötigen Bafin-Lizenzen verfügt, sowie die Entwicklungsschmiede XCom, die zum Beispiel die Technik für den außerbörslichen Wertpapierhandel von Deutscher Bank und Commerzbank stellt. Sie alle zieht Niehage gerade auf seinem Fintech-Campus im industrieschicken Frankfurter Westhafen zusammen. Wenn es nach ihm geht, entsteht dort bald ein Mini-Silicon-Valley, in dem junge Kreative sich die Ideen für das Banking der Zukunft ausdenken.

          Den Anschluss nicht verlieren

          Mit dieser Vision ist Niehage in Frankfurt gerade in guter Gesellschaft. Die Banken werden überrollt von neuen Technologien. Im kleinen Stil, wenn Start-ups zum Beispiel Handy-Programme entwickeln, über die Girokonten geführt und Aktien gehandelt werden können. Aber auch im großen Stil, wenn Technikgiganten wie Apple und Google plötzlich Bezahlsysteme auf den Markt bringen oder die neue Technologie Blockchain die Abwicklung von Wertpapiergeschäften schneller und günstiger machen soll.

          Die digitale Revolution wirft auch in der Bankenwelt einiges durcheinander. Den Takt geben das Silicon Valley oder London vor, vielleicht noch Berlin. Die besten Talente, die in die Branche streben, versuchen dort ihr Glück. Doch das deutsche Bankenzentrum will nicht länger tatenlos zusehen. Und deshalb setzt der Finanzplatz Frankfurt gerade wieder zur ganz großen konzertierten Aktion an: Frankfurt soll Fintech-Zentrum werden, von Deutschland oder besser noch von ganz Europa. Die Stadt und das Land Hessen, die großen Finanzhäuser, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Commerzbank, junge und etablierte Technologieunternehmen – alle überlegen gerade gemeinsam, wie die Stadt der Banken auch die Stadt der Fintechs werden kann.

          Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, hat in seiner Rede zum Neujahrsempfang des Konzerns der versammelten Finanzgemeinde noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig es ist, bei den technischen Neuerungen nicht den Anschluss zu verlieren und besser noch: vorneweg zu gehen. Er selbst macht es vor und ist mit der Deutschen Börse kürzlich bei der Digital Assets Holding eingestiegen, die für große Finanzkonzerne die Chancen der Blockchain-Technologie auslotet.

          Der Rolle des Wadenbeißers entwachsen

          Zuvor hat er die Devisenhandelsplattform 360T übernommen, die als ein Vorzeigebeispiel der Frankfurter Fintech-Szene gilt. Das kleine Start-up von ein paar früheren Dresdner-Bank-Mitarbeitern hat sich zu einer Plattform hochgearbeitet, über die fast alle Dax-Unternehmen ihre Devisengeschäfte abwickeln. Das war der Deutschen Börse im vergangenen Jahr 725 Millionen Euro wert.

          360T ist ein Beispiel dafür, dass auch in Deutschland und gerade in Frankfurt in der Nähe zu Börse und Banken große Fintech-Ideen entstehen können. Es zeigt auch, dass die Finanztechnologen der Rolle als Wadenbeißer der traditionellen Geldhäuser schnell entwachsen und stattdessen deren Geschäft sinnvoll erweitern können.

          Kultur des mutigen Investierens

          Wenn es den Frankfurtern gelingt, die Voraussetzungen für mehr solcher Erfolgsgeschichten zu schaffen, dann ist das aller Mühen wert. Konzepte für das Fintech-Zentrum am Main haben vor einigen Wochen neben Niehages Fintech Group auch die Commerzbank-Tochter Main Incubator, die private Hochschule Frankfurt School of Finance sowie einige Immobiliengesellschaften vorgestellt. Im besten Fall steht am Ende der Überlegungen ein Haus, in denen kreative Techniker und Finanzfachleute gemeinsam Ideen entwickeln, Banker, Anwälte und Aufseher für Rückfragen bereitstehen und idealerweise auch noch ein Finanzier mit Geldkoffer bereitsteht.

          Denn auch das ist ein Grund, warum die großen Ideen meistens von anderswo kommen; in Deutschland fehlt eine Kultur des mutigen Investierens – oder vielleicht auch nur die Möglichkeit, solche Investitionen steuerlich abzusetzen. Welches Konzept eines Fintech-Zentrums sich am Ende durchsetzt, sollen alle Beteiligten gemeinsam entscheiden. Das Land Hessen koordiniert zwar, aber der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir hat klugerweise konstatiert, dass es dem Wesen einer kreativen Start-up-Szene widerspräche, wenn der Staat von oben entscheiden würde. Da hat er recht.

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