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Kommentar zum Auto : Klein ist die Zukunft

  • -Aktualisiert am

Die „lieben Kleinen”: Volkswagen schickt den „Up” ins Rennen Bild:

Das Motto lautet nicht mehr „größer, schneller, teurer“, sondern „effizienter, sicherer, vernetzter“: Die Welt des Automobils wird sich rasend schnell verändern. Die IAA macht das einmal mehr deutlich.

          Die Mittelschicht kann einem leidtun. Sie ist das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft, stellt die Leistungsträger und schafft qualifizierte Arbeitsplätze. Doch richtig Partei ergreift für sie niemand, auch weil es solch eine Partei fast nicht mehr gibt. Auf der Internationalen Automobilausstellung IAA, die an diesem Samstag die Tore für das Publikum öffnet, ist das nicht anders. Wer spricht hier von VW Passat, Audi A6, Mercedes-Benz E-Klasse oder BMW 5er? Sie sind die heimlichen Stars der Zulassungsstatistik, die Säulen der Gewinnrechnungen, doch in diesen tollen Tagen in Frankfurt will niemand etwas mit Mittelklasse zu tun haben. Stattdessen stürzen sich nahezu alle Hersteller in die Welt der Kleinwagen, die zudem - obwohl die Fragezeichen hier nicht kleiner geworden sind - am besten eine elektrische sein soll.

          Das kann nicht nur damit zu tun haben, dass deutsche Hersteller nun mit Macht demonstrieren wollen, was sie zu bieten haben. Aber die Signale, die zwischen Wolfsburg und München aus den Entwicklungsabteilungen gesendet werden, sind so stark, dass kaum ein Zweifel bestehen kann: Die Welt des Automobils wird sich in der kommenden Dekade rasend schnell verändern, und die deutsche Industrie wird vorne dran sein. Sie macht Mut auf eine Zukunft mit dem Automobil, das für die meisten Menschen in reifen Volkswirtschaften das Fortbewegungsmittel Nummer eins ist und das für viele in sich entwickelnden Ländern ganz oben auf der Wunschliste steht. Sie macht Mut, weil der Dreisprung nicht mehr lautet „größer, schneller, teurer“, sondern „effizienter, sicherer, vernetzter“. Schick wird diese Zukunft sein, denn ohne attraktives Design lässt sich auch die beste Technik nicht mehr verkaufen. Und hoffentlich mit günstigeren Eintrittspreisen, soll die Jugend wieder gewonnen werden. Das gilt nicht nur für die Autos selbst: Zweitausend Euro für den Führerschein sind nicht wenig.

          Weiter unten entsteht neuer Raum

          Welchen Weg die „lieben Kleinen“ weisen, lässt sich an einigen Beispielen zeigen. Volkswagen schickt den „Up“ ins Rennen, der gemeinsam mit seinen Geschwistern von Skoda und Seat die Karten im hart umkämpften Segment bis zehntausend Euro neu mischen wird. Nicht nur sieht das Modell frisch und fröhlich aus, es kommt auch mit überraschenden Zutaten. Sein Informationssystem verbindet Navigation, Telefon, Unterhaltung und Bordcomputer, es lädt eigene Apps, wird ins Armaturenbrett gesteckt und kann beim Aussteigen einfach mitgenommen werden. Zur Sicherheit bietet VW erstmals eine - aufpreispflichtige - City-Notbremsfunktion an, die bis 30 km/h mittels Laser den Bereich vor dem Fahrzeug überwacht und im Notfall automatisch bremst. Mercedes-Benz will in seine Kompaktklasse künftig serienmäßig eine radargestützte Kollisionswarnung mit adaptiver Bremse einbauen. Solche Systeme, die Unfälle entschärfen oder verhindern können, sind nicht neu, waren bislang aber nur in höherklassigen Fahrzeugen zu haben.

          Wird hier aufgewertet, entsteht weiter unten neuer Raum. Schon blicken auf der IAA noch kleinere Konzeptautos von Volkswagen, Audi, Opel und Renault in die Zukunft, die nur einen oder zwei Sitze haben, in gedrosselten Versionen mit 16 Jahren gefahren werden dürften und ausloten sollen, ob junge Leute oder Pendler sich für diese Form der (innerstädtischen) Mobilität erwärmen können - sei es aus freien Stücken, sei es, weil politische Entscheidungen dazu zwingen.

          Versprechen auf eine schöne neue Welt

          Wenn aber der Trend auch in Europa in Richtung eines - hochwertigen - Minimalismus geht, stellen sich für die Industrie Fragen, die über die an den Messetagen zur Schau getragene Zuversicht hinausreichen. Denn mit der Herstellung kleiner Fahrzeuge lässt sich weniger verdienen. VW fertigt den „Up“ deswegen in Pressburg. Peugeot-Citroën stellt den Bau kleiner Fahrzeuge in seinem Heimatland zur Disposition; der Vorstandsvorsitzende Philippe Varin führt für Frankreich auf deutschem Niveau liegende Arbeitskosten von 33 Euro pro Stunde an, 20 Euro seien es in Spanien, zehn in Portugal oder in der Slowakei. Ein interessantes Gegenbeispiel liefert Fiat, das die Herstellung des neuen Panda aus der ausgelasteten Fabrik in Polen nach Italien zurückverlagert.

          Als wenn das nicht schon Herausforderung genug wäre, scheint niemand zu wissen, mit welcher Art Antrieb die Mobilität in der Zukunft sichergestellt werden soll. Grundsätzlich herrscht Einigkeit darüber, dass es wegen der Endlichkeit fossiler Brennstoffe ein elektrischer Antrieb sein wird, doch der Weg dorthin ist lang, verschlungen und teuer. Leichtbau mit neuen Werkstoffen ist ebenso gefordert wie die gleichzeitige Entwicklung verbrauchsärmerer Diesel und Benziner, von Elektromaschinen samt Batterien und die Hybrid genannte Kombination aus beiden. An Wasserstoff und Brennstoffzelle wird gearbeitet, an Gasmotoren, neuen Getrieben und einer Vielzahl von Versprechen auf eine schöne neue Welt. Auf die warten alle, nur die Kunden nicht - Kleinwagengetümmel hin, Glühbirnenverbote her. Wie sagte Daimler-Chef Zetsche in Frankfurt so schön provokant? Der Markt für Geländewagen auf der Welt wachse schneller als die Umfragewerte der Grünen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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