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100 Jahre Tag der Arbeit : Was Gewerkschaften stark macht

Ein Banner "1. Mai DGB-Jugend" bei der zentralen Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Gelsenkirchen im Jahr 2017. Bild: dpa

Der Aufstieg der Gewerkschaften verdient in vielerlei Hinsicht Würdigung. Heute wird wieder allzu gerne der Staat zu Hilfe gerufen. Das gefährdet die Tarifautonomie – und am Ende die Organisationen selbst?

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          Der „Tag der Arbeit“ hat seine Ursprünge in einer Zeit, als es für arbeitende Menschen noch lebensgefährlich war, gemeinschaftlich ihre Interessen zu vertreten. Eine Kundgebung für kürzere Arbeitszeiten in Chicago endete im Mai 1886 in einem Blutbad, ausgelöst durch eine Bombe und Schüsse der Polizei. In Deutschland galt das „Sozialistengesetz“; wer sich gewerkschaftlicher Betätigung verdächtig machte, wurde von der Polizei verfolgt. Am 1. Mai 1890 begründete die Sozialistische Internationale mit weltweiten Demonstrationsaufrufen in Erinnerung an Chicago die Tradition eines „Kampftags der Arbeiterbewegung“. Ein gesetzlicher Feiertag war der Tag damit aber noch nicht.

          Dazu ließe sich allerdings in diesem Jahr ein kleines Jubiläum feiern, denn vor 100 Jahren wurde in Deutschland der „Tag der Arbeit“ erstmals vom Gesetzgeber anerkannt. Allerdings machen die Gewerkschaften heute wenig Aufhebens davon, da sich eine gewisse Tragik mit dem 1.Mai 1919 verbindet: Auf die befreiende Novemberrevolution folgte die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung. Die SPD wollte den Feiertag einführen, zerstritt sich aber mit den radikaleren linken Kräften in der Nationalversammlung über die Einzelheiten des Gesetzes. So wurde der Feiertag nur für 1919 festgelegt und nicht auf Dauer. Das übernahmen später die Nationalsozialisten, bevor sie die Gewerkschaften zerschlugen.

          Die Geschichte liefert Anknüpfungspunkte für vielfältige Betrachtungen über die heutige Gewerkschaftsbewegung – ihre Arbeit und ihre Rolle in Gesellschaft und Politik. Auf jeden Fall hat sich diese Rolle radikal verändert. Die Gewerkschafter der Anfangszeit trieben einen großen Umbruch voran, weil in den alten Strukturen von Staat und Wirtschaft ein eklatantes Repräsentationsdefizit herrschte. Die riesige Gruppe der Arbeiter hatte dort keinen Platz. Sie musste sich diesen gegen die Repräsentanten der alten Ordnung, deren Macht und Besitzstandsdenken, erkämpfen. Das stärkste Argument der Arbeiterbewegung war, dass sie so viele Menschen vertrat.

          Ein historisches Beispiel

          Heute sind die Gewerkschaften ein selbstverständlicher Teil des Systems. Sie haben gesetzliche Mandate in Aufsichtsräten von Unternehmen, wirken an der Besetzung der Arbeitsgerichte mit. Sie können zu Demonstrationen aufrufen, ohne sich damit den Staat zum Gegner zu machen. Vielmehr werden sie von den Parteien respektiert oder gar hofiert. Zwar wird in manchen Kreisen weiter unterstellt, dass das „Großkapital“ einen privilegierten Zugang zu den Schaltstellen politischer Macht habe. Doch gilt für die Gewerkschaften längst dasselbe. (Wie allmählich wohl auch für die Klimaschutzbewegung – nur ist deren Zeit als „systemfremde“ Opposition noch nicht lange Vergangenheit.)

          Dies ist aber nicht die ganze Geschichte. Denn eine große Stärke der Gewerkschaften beruht darauf, dass sie auch einen vom Staat unabhängigen Gestaltungsanspruch haben – in ihrer „autonomen“ Rolle als Tarifpartei. Diese stützt sich unmittelbar auf ihre Verankerung in den Betrieben; darauf, dass sie viele Beschäftigte als Mitglieder haben, die bereit sind, für gemeinsame Ziele notfalls mit der Macht und im Schutz des Kollektivs zu streiken. Denn das ist die Währung, die Arbeitgeber zu Vertragsschlüssen bewegt – sofern auch sie „autonom“ sind und nicht Staat und Polizeigewalt zu Hilfe rufen können.

          Dieser Teil der Geschichte verdient im Rückblick auf die Zeit vor 100 Jahren sogar eine besondere Würdigung. Denn es ist ein historisches Beispiel, wie man gesellschaftlichen Zusammenhalt organisiert: Radikale Arbeiterführer träumten davon, die absolute Herrschaft in Staat und Wirtschaft zu übernehmen und die Fabrikbesitzer zu verjagen; radikale Industrielle träumten davon, das Kaiserreich wiederherzustellen und die Arbeiterbewegung mit Hilfe des Staates niederzuschlagen. Doch genau in dieser Konfrontation fassten sich pragmatische Kräfte beiderseits ein Herz und schlossen einen Pakt: geordnete Produktion und Frieden in den Betrieben im Gegenzug für bessere Arbeitsbedingungen.

          Was wird aus der Tarifautonomie? 

          Aus Sicht der Radikalen verrieten beide Seiten den Traum von der Vernichtung des Gegners mit Staatsgewalt. Tatsächlich sorgten sie tatkräftig dafür, die Lebensbedingungen im Lande zu verbessern – ohne auf den wankelmütigen Staat zu warten. Und sie begründeten damit nebenbei die Erfolgsgeschichte der Tarifautonomie in Deutschland, die den Gewerkschaften eine Sonderrolle unter den Interessenorganisationen verschafft.

          Heute ist nicht damals. Doch gibt es in der Gesellschaft heute wieder sehr viele ideologisch aufgeladene Streitfragen, die solchen Mut zur „Autonomie“ vertragen könnten – eine Bereitschaft gesellschaftlicher Gruppen, über Lagergrenzen hinweg das Verbindende zu suchen, anstatt anderen mit dem Staat den eigenen Willen aufzwingen zu wollen.

          Das betrifft nicht nur, aber auch die Tarifpolitik: Viele Arbeitnehmer hören es gern, dass sich Gewerkschaften und Regierung derzeit zusammentun, um durch Gesetz mehr Unternehmen an Tarifverträge zu binden. Es erspart ihnen die Mühe, sich selbst als Mitglieder einer Gewerkschaft dafür starkzumachen. Im Lichte der Geschichte wirft es aber zwei Fragen auf: Was wird dann aus der Tarifautonomie? Und was aus den Gewerkschaften?

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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