https://www.faz.net/-gqe-853vb

Kommentar : Der verunsicherte Urlauber

  • -Aktualisiert am

Mit dem Sicherheitsbeamten unter dem Sonnenschirm: Traumurlaub am Mittelmeer stellt man sich anders vor. Bild: dpa

Eine drohende Staatspleite in Griechenland, Terror in Tunesien: Die Urlaubsfreude erhält in diesem Jahr gleich zwei Dämpfer. Doch einen Vollkaskoschutz für schöne Ferien kann die Reisebranche nicht liefern.

          3 Min.

          Die meisten Deutschen haben viel Zeit, sich auf den Urlaub zu freuen. Seit Pauschalreiseanbieter ihre Kunden mit Rabatten dazu erzogen haben, sich sehr zeitig um die Sommerferien zu kümmern, beginnt der Ansturm auf die Reisebüros und Onlineportale mit dem Weihnachtsfest.

          Wer früh bucht, bekommt die besten Offerten, das ist die erste Reiselektion, die Urlaubshungrige gelernt haben. Doch in diesem Sommer wird zu Ferienbeginn eine zweite Lektion nachgeliefert: Eine lange Vorausplanung sichert nicht zwangsläufig sorgenfreie Ferien.

          Die große Urlaubsfreude im Volk der langjährigen Reiseweltmeister erhielt gleich zwei Dämpfer. Die eskalierende Schuldenkrise in Griechenland und ein barbarischer Terroranschlag in Tunesien erschüttern den Traum von sorglosen und erholsamen Ferien am Mittelmeer – seit Jahrzehnten die Sommerbadewanne der Deutschen. Jeder dritte Haupturlaub führt an das Gewässer.

          Keine Sicherheit vor allem

          Welcher Urlauber hat vor Monaten damit gerechnet, dass gleich zwei Länder dort nicht mehr erste Wahl für Spaß und Erholung sein könnten? Welcher Urlauber will noch entspannt am Swimmingpool in der tunesischen Bucht von Hammamet liegen, wenn vor seinem Hotel schwer bewaffnete Sicherheitstrupps patrouillieren? Welcher Urlauber steigt noch sorglos ins Flugzeug, wenn er nicht mehr sicher sein kann, ob der Geldautomat in Griechenland noch ausreichend Bares für den Kauf von Getränken oder Souvenirs ausspuckt?

          Das frühe Buchen hat vor allem den Reiseveranstalterkonzernen von TUI bis Thomas Cook sowie ihren Geschäftspartnern, den Fluggesellschaften und Hoteliers, ein hohes Maß an Planungssicherheit gegeben. Auch die Kunden haben profitiert. Urlaubsbuchungen kosten in der Bundesrepublik auch deshalb nicht mehr, weil der durchschnittliche deutsche Ferienreisende sich frühzeitig festlegt.

          Einen Universal-Sicherheitsbonus bekommt er damit allerdings nicht – im Preis enthalten ist weder der Schutz vor Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland noch eine Garantie, dass ein Terrorist kein Massaker an seinem Traumstrand anrichtet. Die Reisebranche erklärt lediglich, sie tue schon sehr viel für Qualität und Sicherheit im Urlaub. Einen Vollkaskoschutz für die Ferien kann sie aber nicht liefern.

          Einschusslöcher in der Hotelmauer

          Dem Urlauber bleiben die Informationstelefone der Reiseanbieter und die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes. Am Ende muss der Urlauber vor Buchung und Reiseantritt aber selbst entscheiden, wie er die Informationen bewertet und welche Risiken er eingehen will. Das von dem Amokläufer am Freitag ausgesuchte tunesische Hotel hatte in Onlineportalen die besten Bewertungen aller Unterkünfte am Ort. Und es hat einen eigenen Sicherheitsdienst. Verhindern ließ sich die Katastrophe dadurch nicht.

          Für die Reiseveranstalter wird der Sommer 2015 zu einer Bewährungsprobe. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, nicht mehr nur Flüge und Hotelzimmer zu vertreiben. Urlauber sollen Erlebnisse kaufen. Die Unternehmen sind auf die unterschiedlichsten Wünsche vorbereitet, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Konzepthotels, ob für Familien mit herumtobendem Nachwuchs, für Paare ohne Kinder, für Sportler oder Genießer – jedem sein spezielles Erlebnis.

          Doch diese Urlaubspakete werden nur gern genommen, wenn sie in guter Erinnerung bleiben. Selbst wenn das Hotelzimmer wie auf den schönsten Katalogfotos aussieht, ist dieser Eindruck schnell überlagert, wenn die Außenmauer des Hotels Einschusslöcher zeigt.

          Stornierungsgrund: Terror

          In der Vergangenheit hat die Branche immer wieder darüber gestritten, ab wann es zu gefährlich ist, Urlauber in ein Land zu bringen. Ägypten war solch ein Fall. Ihren Zwist trugen die deutschen Touristiker vor dem Hintergrund aus, dass es während der gesamten Umsturzzeit im Nahen Osten nicht ein Terroropfer unter deutschen Pauschalreisekunden gab. Das ist seit vergangenem Freitag anders. Getroffen hat es ein Hotel, das der TUI-Konzern füllte. Für Wettbewerber ist das kein Anlass zum Aufatmen. Ihre Kunden residierten im Haus nebenan.

          Terror in Tunesien : De Maizière in Tunesien

          Erschütternde Ereignisse haben den Begleiteffekt, dass die Branche zusammenrückt. Nach dem Anschlag haben alle namhaften deutschen Reiseveranstalter ihren Kunden das Recht zum kostenfreien Umbuchen oder Stornieren eingeräumt.

          Geld zurück – aber kein Urlaub

          Auch wenn sie dazu nicht verpflichtet waren, erscheint dieser Schritt alternativlos. Wie groß die Sorgen und Ängste der Urlauber sind, zeigt sich daran, dass mehr als die Hälfte aller Kunden, die in den nächsten Tagen nach Tunesien reisen wollte, nun davon Abstand nimmt.

          Doch die Kulanz der Reiseanbieter hilft Frühbuchern, deren Vorfreude gerade versiegt, nicht weiter. Die Aussicht, jetzt noch ein Last-Minute-Schnäppchen zu ergattern, ist gering. Zudem bleiben deutsche Reisende auch beim Umbuchen in der Horde: die Nachfrage nach den Kanarischen Inseln steigt, ähnliches gilt für die Türkei, wo die Übernachtung jedoch teurer ist als in Tunesien. Manches Urlaubsbudget reicht dafür nicht. Wer nun nicht nach Tunesien reist, erhält zwar sein Geld zurück – aber eben auch kein Urlaubserlebnis.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Markus Söder und Alexander Dobrindt am Sonntagabend in Berlin

          Die CSU nach der Wahl : Münchner Ungewissheiten

          Die CSU liegt in Bayern über dem bundesweiten Ergebnis der Schwesterpartei. Trotzdem ist es der schlechteste Ausgang seit 1949. Im Bund akzeptiert sie die Führungsrolle von Armin Laschet – noch.
          Gregor Gysi am Sonntagabend in Berlin

          Einzug ins Parlament : Die drei Retter der Linkspartei

          Die Linke ist bei der Bundestagswahl unter die Fünf-Prozent-Hürde gefallen. Trotzdem darf sie mit 39 Abgeordneten ins neue Parlament. Das hat sie drei Kandidaten zu verdanken, die ihre Wahlkreise gewonnen haben.
          Christian Lindner, Olaf Scholz und Annalena Baerbock im Juni in Berlin

          Analyse der Bundestagswahl 2021 : Welche Koalition wollen die Wähler?

          Wie die SPD im Lauf des Wahlabends aufholte, wieso die Kandidaten für diese Wahl entscheidend waren – und warum die FDP bei den Erstwählern die Grünen abhängt.
          Armin Laschet sitzt im Studio für die „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl.

          TV-Kritik: Bundestagswahl : Ein desillusionierender Fernsehabend

          Zunächst waren die Demoskopen die einzigen Wahlsieger. Wer noch dazu gehören wird, das hängt von der Kooperationsbereitschaft der FDP und der Grünen ab. Sie bestimmen, wer Bundeskanzler wird. Armin Laschets Schwäche könnte seine Chance sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.