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Kommentar : Der Algorithmus als Spion

Die Investmentbank JP Morgan will die Fehler ihrer Mitarbeiter aufdecken, bevor diese sie machen. Doch wenn Firmen alles über ihre Mitarbeiter wissen, ist nichts gewonnen.

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          Der Mensch ist so berechenbar. Nur wenige wollen das wahrhaben, aber Kriminologen wissen schon lange: Wer etwas im Schilde führt, hinterlässt Spuren. Und zwar nicht nur während der Tat, sondern auch schon lange davor. Straftaten fallen nicht vom Himmel, sondern kündigen sich an, bisher allerdings nicht besonders lautstark. Das ändert sich gerade, die Technik macht es möglich. Algorithmen sind das Maß aller Dinge, wenn es gilt, auffälligem Verhalten auf die Spur zu kommen – noch bevor etwas passiert.

          Die Investmentbank JP Morgan testet das gerade an ihren Händlern aus: Emsig sammelt sie Daten über die Investmententscheidungen ihrer Mitarbeiter und kombiniert sie mit Informationen über geschwänzte Schulungen und Hinweisen auf eine besondere Risikofreude. Am Ende der umfassenden Datensammlung soll ein lückenloses Profil herauskommen, welches das „Risiko Mitarbeiter“ beherrschbar machen soll.

          Es dürfte außer Frage stehen, dass das irgendwann tatsächlich gelingen wird. Es hat sich bereits eine ganze Industrie gebildet, die an Software für solche Profile arbeitet. Eine Fülle von Faktoren lassen sich dabei einbeziehen: Lange Arbeitszeiten sind verdächtig, weil viele Straftaten erst begangen werden, wenn die Kollegen schon zu Hause sind. Und Urlaub kann sich nur leisten, wer nicht fürchten muss, dass in seiner Abwesenheit ein sorgfältig vorbereitetes Betrugssystem auffliegt. Die Stimme sagt viel über den Gemütszustand, und bestimmte Formulierungen in E-Mails können geradezu verräterisch sein. Das sollte man wissen, wenn man sich im Büro an seinen Computer setzt und zum Telefonhörer greift.

          So viel Berechenbarkeit ist furchteinflößend: Wie viel geben wir am Arbeitsplatz von uns preis? Und was macht der Arbeitgeber mit all diesen Informationen?

          Einzelne Mitarbeiter verursachten Milliardenverluste

          Die Investmentbank JP Morgan treibt diesen Aufwand nicht aus purer Neugier, sondern aus finanziellem Kalkül, weil sie hofft, damit Geld zu sparen. Insgesamt 36 Milliarden Dollar hat sie in den vergangenen Jahren für das Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter zahlen müssen. In den Banken ist das Bedürfnis nach Kontrolle besonders groß, nicht zuletzt, weil auch die Regulierer die Zügel kräftig angezogen haben.

          Die Handelsskandale der vergangenen Jahre liefern dafür den besten Grund: Immer wieder ist es einzelnen Mitarbeitern gelungen, unbehelligt Milliardenverluste anzuhäufen, ohne dass Vorgesetzte davon Wind bekamen. Und die Öffentlichkeit fragt erstaunt, wie blöd eine Bank eigentlich sein muss, um sich von den Mitarbeitern so an der Nase herumführen zu lassen.

          Womit wir auch schon mitten im Problem sind: Solange wir nicht selbst betroffen sind und der mögliche Schaden nur groß genug erscheint, finden wir gute Gründe für eine gründliche Vorsorge. Seitdem klar ist, dass ein depressiver Germanwings-Pilot absichtlich ein Flugzeug mit knapp 150 Insassen zum Absturz brachte, wird ausdauernd darüber diskutiert, welche Informationen schon früh auf ein solches Desaster hätten hinweisen können.

          Und hätte dann die Fluggesellschaft nicht alles tun müssen, um den mörderischen Einsatz des Piloten zu verhindern? Selbst der Bruch der ärztlichen Schweigepflicht ist da nicht mehr heilig, wenn es gilt, das herannahende Unglück zu antizipieren. Viel größer kann der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Mitarbeiters kaum ausfallen. Was sind dagegen schon ein paar Algorithmen, die lediglich nachvollziehen, was wir während unserer Arbeitszeit eigentlich alles so treiben?

          Das Problem ist dabei nicht nur die Überwachung. Die findet schon jetzt weit häufiger statt, als viele bisher wahrhaben wollen, über Videokameras, Zeiterfassung, das Screening dienstlicher E-Mails, die Speicherung von Telefongesprächen. Diese Kontrolle ohne konkreten Anlass noch weiter und nahezu lückenlos auszubauen wäre völlig unverhältnismäßig. Schlimmer noch ist der Paradigmenwechsel, der mit dem Wunsch einhergeht, alles Fehlverhalten schon im Vorfeld zu erkennen und zu verhindern. Das Erste mag technisch schon möglich sein, doch schon dem Zweiten sind enge rechtsstaatliche Grenzen gesetzt. Und das sollte auch so bleiben.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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