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Deutsche Ökonomen : Die leisen Weisen

Kein anderer Ökonom findet in der Öffentlichkeit so viel Gehör wie Ifo-Präsident Clemens Fuest. Bild: Frank Röth

Viele gute Ökonomen überlassen die öffentliche Debatte den Lautsprechern. Was lässt sich dagegen tun?

          3 Min.

          Es gibt in den deutschen Wirtschaftswissenschaften ein Problem: In der Öffentlichkeit werden zu sehr die Lautsprecher der Disziplin gehört. Forscher, die sich in Windeseile zu allen möglichen Themen äußern, mal gefragt, mal ungefragt. Steuern, Klimaschutz, Außenhandel, Geldpolitik – das nächste Statement liegt bestimmt schon im E-Mail-Postfach der Journalisten und der Ministeriumsmitarbeiter oder ist in den sozialen Medien nachzulesen.

          Es hat sein Gutes, dass es in der Öffentlichkeit derart engagierte Volkswirte gibt, die sich auch vor Fernsehkameras trauen und ihr Wissen einer breiten Masse näherbringen. Zugleich geht aber viel verloren, wenn die überwältigende Mehrheit mit ihrem Wissen unter ihresgleichen bleibt – darunter etliche hervorragende Forscher, die eine Menge zu sagen hätten.

          Zu den leisen Weisen gehören nicht nur, aber vor allem Frauen: Auf den ersten 30 Rängen des diesjährigen F.A.Z.-Ökonomenrankings waren nur zwei Ökonominnen vertreten. In die Top 100 schafften es 14 Forscherinnen. Das entspricht zwar ungefähr der Frauenquote unter deutschen Professoren, wie der Verein für Socialpolitik (VfS), die größte Vereinigung deutscher Volkswirte, Anfang der Woche bekanntgab. Doch in der Medienberichterstattung lag der Frauenanteil nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung letztes Jahr bei gerade einmal 4 Prozent.

          Nun muss man nicht zwangsläufig am lautesten rufen, um gehört zu werden. Bestes Beispiel ist Clemens Fuest. Der Präsident des Ifo-Instituts ist eher ein zurückhaltender Mensch. Wo andere mit steilen Thesen die Debatte antreiben, schätzt er das ausgewogene Argument. Trotzdem attestierte ihm besagtes Ranking den größten öffentlichen Einfluss. Kein anderer bekam mehr Aufmerksamkeit in der Politik, keiner wurde von den Medien öfter zitiert. Für die Disziplin ist das eine gute Nachricht. Gerade in der Corona-Krise wird ausgewogene, fundierte Expertise benötigt. Rechthaber helfen gerade nicht.

          Fuest ist allerdings vor allem deshalb so präsent, weil er es auf einen der wenigen Posten geschafft hat, auf denen man ohnehin wahrgenommen wird. Dazu zählen die Führungspositionen in den großen Wirtschaftsinstituten genauso wie die fünf Plätze im Sachverständigenrat. Schwerer haben es all jene Ökonomen, die nicht mit agiler Presseabteilung im Rücken forschen. Wer noch ehrgeizig an seiner wissenschaftlichen Karriere bastelt – und womöglich auch Kinder bekommt und betreut –, der wird keine Zeit haben für die eigene PR-Arbeit.

          Ökonomen wollen in die Fachzeitschrift, nicht in die Zeitung

          Zugegeben: Öffentlichkeitsarbeit ist nicht jedermanns Sache. Es kommt eher selten vor, dass Spitzenforscher ins Rampenlicht drängen. Man wird Ökonom, weil man eher in die Fachzeitschrift als in die Tageszeitung will. Bedauerlich ist das Ungleichgewicht trotzdem. Ein Beispiel: Auf der Jahrestagung des VfS in diesem Jahr zeigte sich, dass Ökonomen zum Teil sehr genau wissen, inwiefern sich Frauen als wirtschaftliche Akteure anders verhalten als Männer. Warum diese Erkenntnisse mehr Aufmerksamkeit verdienen? Weil sie zum Beispiel unideologisch zeigen, was an Frauenquoten gut ist – und was nicht.

          Wie also lässt sich die öffentliche Debatte verändern? Zum einen sind Ministerien und Journalisten gefragt. Dass immer wieder dieselben Namen in der Öffentlichkeit auftauchen, geht auch auf sie zurück. Zum Teil ist es der knappen Zeit im Alltag geschuldet. Man kennt die bekannten Leute, sie sind schnell erreichbar und in der Zusammenarbeit unkompliziert. Gleichzeitig sind es aber auch immer dieselben, die sich von sich aus in die Debatte einbringen. Wer wahrgenommen werden möchte, von dem ist auch Eigeninitiative gefragt.

          Höheres Budget für mehr Öffentlichkeit?

          Eine weitere Möglichkeit wäre der angelsächsische Weg. Dort gehört die Medienarbeit zur Tätigkeitsbeschreibung von Hochschulprofessoren. Fakultäten werden von den Regierungen auch danach bewertet, wie häufig ihr Name und ihre Forschung in den Medien auftauchen – wer gut abschneidet, bekommt ein höheres Budget. Für die Wissenschaftler bedeutet das zwar mehr Arbeit. Die Öffentlichkeit aber gewinnt.

          Ein Glück ist, dass interessante Forschung auch in Deutschland in der Regel ihren Weg aus dem Elfenbeinturm findet. Die Prominenten der Zunft werden bahnbrechende Ergebnisse aus ihren Kreisen auch dann in Politik und Gesellschaft anbringen, wenn sie nicht der Urheber sind, vor allem dann, wenn sie offen sind für das wissenschaftliche Argument. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren – auch dank des internationalen Einflusses – eine Menge getan. Wer aber manche Debatte in den sozialen Medien verfolgt, sieht, dass noch viel Luft nach oben ist. Frei nach dem Motto „Wo die Fetzen fliegen, da wird auch hingeschaut“ läuft es zuweilen ab. Selbst für einen populärwissenschaftlichen Diskurs ist das nicht genug.

          Maja Brankovic

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

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