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Kommentar : Und was ist mit Afrika?

Positivbeispiel Nairobi: Die kenianische Hauptstadt schafft es internationale Investoren anzuziehen. Bild: Frank Röth

Die Welt schaut nur auf elf Millionen Griechen. Aber was ist mit den rund 1,1 Milliarden Afrikanern? In Addis Adeba geht es gerade um viel mehr.

          Das von seiner politischen Elite heruntergewirtschaftete Griechenland verschlingt in Europa enorm viel Zeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit. So verschwimmen die Maßstäbe: Die Welt schaut auf elf Millionen Griechen. Aber was ist mit den rund 1,1 Milliarden Afrikanern? Mehr als hunderttausend Menschen haben allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres versucht, über das Mittelmeer in den reichen Nachbarkontinent zu fliehen.

          In Libyen soll eine Million Menschen nur auf die passende Gelegenheit warten, um mit Hilfe von Schleppern auf völlig überfüllten Booten das gelobte Nordufer zu erreichen. Neben Bürgerkriegsopfern etwa aus Syrien und dem Irak sind darunter viele, die sich nur auf den gefährlichen Weg machen, weil ihre wirtschaftlichen Perspektiven selbst als Tagelöhner in Europa besser sind.

          Was kann man also tun, um diesen Menschen in der Heimat eine bessere Perspektive zu geben? Antworten auf diese zentrale Frage werden auf der viertägigen Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung gesucht, die seit Montag in Addis Abeba stattfindet. Es ist die dritte ihrer Art. Im Jahr 2002 berieten der reiche Norden und der arme Süden im mexikanischen Monterrey zum ersten Mal, wie man die Welt besser machen kann.

          Chinas Armutsquote sank am stärksten

          Die Staats- und Regierungschefs hatten zwei Jahre vorher versprochen, Armut und Hunger in der Welt in fünfzehn Jahren zu halbieren, allen Kindern zumindest einen Grundschulbesuch zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass die Frauen bei der Geburt besser versorgt werden und weniger Kleinkinder sterben.

          Dieses Jahr schaut die Weltgemeinschaft nicht nur, was erreicht wurde, sondern sie will sich auch neue Ziele setzen. Auf den ersten Blick hat man einiges geschafft. Lebten 1990 noch 1,9 Milliarden Menschen von weniger als 1,25 Dollar am Tag, sind es heute nach den offiziellen Zahlen „nur“ noch 836 Millionen. Da die Weltbevölkerung wuchs, sank der Anteil der absolut Armen noch stärker: von 47 Prozent auf 14 Prozent. Interessant sind die regionalen Unterschiede: Die Armutsquote in China fiel von 61 Prozent auf 4 Prozent und in Schwarzafrika von 57 Prozent auf 41 Prozent.

          In Monterrey gab es ein politisches Geschäft. Der Norden versprach, seine Hilfen aufzustocken. Die armen Länder sollten im Gegenzug mehr eigene Mittel für ihre Entwicklung mobilisieren. Die Industrieländer bekräftigten das alte Ziel, mindestens 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe aufzuwenden.

          Geldwäsche, Verschleierung, Korruption

          Die Europäer verabschiedeten später einen Stufenplan, mit dem sie dieses Ziel erreichen wollten. Doch die wenigsten Länder liegen über dieser politischen Zielmarke. Deutschland kommt derzeit auf eine Quote von 0,4 Prozent. Im Süden ging es beispielsweise um den Aufbau einer effizienten Steuerverwaltung. Doch die Ergebnisse sind offenbar dürftig.

          Nach aktuellen Schätzungen kommen auf einen Dollar, der ein Entwicklungsland erreicht, mindestens zwei Dollar, die herausfließen. Allein Afrika soll durch illegale finanzielle Transaktionen in den vergangenen fünfzig Jahren eine Billion Dollar verloren haben – jedes Jahr sollen mehr als 50 Milliarden Dollar hinzukommen. Als Gründe werden Gewinnverschiebungen von internationalen Konzernen, Geldwäsche und die Verschleierung von Korruption genannt.

          Daher gibt es die Forderung, nicht länger nur im Rahmen der Industrieländer-Organisation OECD über Regeln zur Eindämmung von aggressiver Steuergestaltung zu verhandeln. Bildhaft lautet das Motto: „Wenn man nicht mit am Tisch sitzt, landet man auf der Speisekarte.“

          Nairobi – das neue Bangalore

          Natürlich müssen illegale Kapitalströme bekämpft werden. Doch wenn ein Investor zu dem Ergebnis kommt, dass er seine Gewinne besser woanders anlegt, sollte das seine freie Entscheidung bleiben. Wer Geld im Land einschließen will, wird nicht genügend Investoren finden, die Afrikas wachsender Bevölkerung eine bessere Zukunft bieten. Es geht um neue Arbeitsplätze, aber auch um Geld für Straßen, Strom, Wasser. Die Staaten allein können die notwendigen Mittel nicht aufbringen.

          Wie deutsche Geschäftsleute berichten, gibt es in Afrika durchaus spannende und positive Entwicklungen: Nairobi soll Bangalore als Programmierzentrum ablösen, in Moçambique ziehen riesige Gasfunde enorme Infrastrukturprojekte nach sich, in Botswana profitiert das ganze Land vom Diamantenvorkommen. Aber Misswirtschaft und Bürgerkriege führen nach wie vor in großen Teilen des Kontinents zu Elend und Exodus.

          Die Krise in Griechenland hat den Europäern vor Augen geführt, wie wichtig eine politische Elite ist, die sich der Entwicklung des eigenen Landes verpflichtet fühlt. Auch wenn es pathetisch klingt: Wenn ein solches Ethos fehlt, helfen keine Überweisungen in Milliardenhöhe aus dem Ausland. Es reicht daher nicht, wenn sich in Addis Abeba der Norden und der Süden abermals gegenseitig viel versprechen. Entscheidend für das Erreichen der neuen Weltziele wird sein, was in jedem einzelnen Land passiert. Wo die staatlichen Voraussetzungen fehlen, helfen auch keine Entwicklungshilfe und keine neuen Steuerkommissionen.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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