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Kommentar : Zeitarbeit 2.0

Die Zeitarbeit kommt an die Leine, der Einsatz überlassenen Personals wird teurer. Verliert die Zeitarbeit dabei zu stark an Attraktivität, wird das Management nach Ausweichstrategien suchen. Denn Zeitarbeit mag sich regulieren lassen - der Bedarf an Flexibilität nicht.

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          Um keine andere Branche wird in Deutschland so viel Getöse gemacht wie um die Zeitarbeit. Dabei ist sie mit 900.000 Beschäftigten kein besonders großer Wirtschaftszweig. Sie repräsentiert nicht mal drei Prozent der Erwerbstätigen und liegt damit international im Mittelfeld. Zum Vergleich: Die Metall- und Elektroindustrie bringt 3,5 Millionen Menschen in Lohn und Brot. Dennoch erregt das Geschäft mit dem Arbeitskräfte-Verleih die Gemüter über alle Maßen. Jede Meldung über die Praktiken schwarzer Schafe bringt sofort die gesamte Branche in Verruf. An solchen Beispielen herrschte in der Vergangenheit leider freilich auch kein Mangel.

          Künftig wesentlich teurer

          Deshalb fielen die Forderungen der Gewerkschaften nach Domestizierung der Leiharbeit auf fruchtbaren gesellschaftlichen Boden. Auf diesem gediehen auch die Regulierungspläne vieler Politiker. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rammte im vergangenen Jahr einige Pflöcke ein und setzte so die Arbeitgeber unter Zugzwang. Als erste vereinbarten nun die Tarifpartner für die Metall- und Elektroindustrie neue Regeln für die Lohnangleichung von Zeit- und Stammarbeitern sowie verbindliche Übernahmevorschriften. Einiges davon mag das Papier kaum wert sein, auf dem es unterzeichnet wurde; man denke an die Verpflichtung, Zeitarbeitern nach 24 Monaten ein Übernahmeangebot zu machen - der Anteil der Anwärter dürfte im Promillebereich zu finden sein. Die Richtung ist dennoch eindeutig. Die „Zeitarbeit 2.0“ kommt an die Leine.

          Der Einsatz überlassenen Personals wird für die Kunden künftig wesentlich teurer werden. Damit ist jedoch (noch) nicht das Ende der Zeitarbeit eingeläutet. Im Arbeitgeberlager wird das mit der IG Metall verhandelte Ergebnis hinter vorgehaltener Hand als akzeptabel kommentiert. Die Gewerkschaft wollte ursprünglich durchsetzen, dass Branchenzuschläge für Leiharbeiter vom ersten Einsatztag an fällig werden. Die vereinbarte Einarbeitungszeit von sechs Wochen gilt vielen deshalb als wichtiger Etappensieg. Auch damit, dass der Zuschlag nach neun Monaten auf 50 Prozent des Grundlohns steigt, können viele Anbieter offenbar leben.

          Arbeitgeber brauchen Flexibilität

          Das Geschäftsmodell der Zeitarbeitsunternehmen mag damit vorerst gesichert sein - die Zukunft der Branche ist es nicht. Denn mit der IG Metall hat sich zwar die größte, aber bislang eben nur eine Gewerkschaft auf neue Standards geeinigt. Die Chemie-Kollegen werden nachziehen. Aber was ist mit dem Rest? Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zeigt bislang wenig Interesse. Sie pocht auf ein Gesetz, das für gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft sorgt. Verdi hält sich aber auch deswegen zurück, weil der Lohnunterschied zu Zeitarbeitern etwa im Handel deutlich geringer ist als bei den Kollegen in der Industrie. Ganz anders bei Metall und Chemie: Dort wurden für die unteren Lohngruppen in der Vergangenheit (zu) hohe Entgelte vereinbart. 14 Euro in der Stunde für einen ungelernten Metallhelfer - das klingt gut. Der Haken ist nur, dass er kaum bezahlt wird. In der Branche ist von der „Phantomgruppe“ die Rede. Was aber nutzt den Zeitarbeitern eine Angleichung an ein Lohnniveau, das die Produktivität nicht mehr widerspiegelt?

          Zeitarbeit

          Die permanente Debatte um Kosten und Löhne hat dazu geführt, dass eine wichtige Funktion der Zeitarbeit aus dem Blickfeld geraten ist: Flexibilität für das Personalwesen der Unternehmen. Diese brauchen Arbeitgeber in unsicheren Zeiten mehr denn je. Denn der Großauftrag aus Übersee kann ebenso schnell eingehen wie storniert werden. Verliert Zeitarbeit dabei an Attraktivität, wird das Management nach Ausweichstrategien suchen. Denn Zeitarbeit mag sich regulieren lassen - der Bedarf an Flexibilität nicht.

          Einstiegsmöglichkeit für Geringqualifizierte

          Für die Beschäftigung ist es dabei nicht gleichgültig, mit welchen Instrumenten die Manövrierfähigkeit erhalten wird. Rücken Verlagerungen von Produktion, Forschung und Entwicklung ins günstigere Ausland in den Vordergrund, stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Ein kaum beachtetes Detail des jüngsten Metallabschlusses ist, dass sich die Arbeitgeber ihre Zugeständnisse durch ein Plus an variabler Arbeitszeit der Stammbelegschaft - also interner Flexibilität - haben abkaufen lassen. Das zeigt, dass auch die Gewerkschaften jenseits aller Treueschwüre für die 35-Stunden-Woche die Zeichen der Zeit erkannt haben.

          Zeitarbeit ist seit der Liberalisierung vor knapp zehn Jahren in Deutschland zur Einstiegsmöglichkeit für Geringqualifizierte in den Arbeitsmarkt geworden. Sie ist ein Baustein in der Strategie der Agenda 2010 und der Harz-Reformen, die darauf zielten, Zugangshürden für Menschen zu senken, die aufgrund formaler Mängel in normalen Bewerbungsverfahren kaum Erfolgsaussichten haben. Mit Erfolg: In Deutschland suchen statt damals offiziell fünf Millionen Menschen heute nur noch drei Millionen nach einer Arbeit. Der Trend in Europa läuft in die andere Richtung.

          Diese Zusammenhänge sollten die Bundesarbeitsministerin und die Spitzen von Arbeitgebern und Gewerkschaftsbund vor Augen haben, wenn sie in den kommenden Tagen darüber beraten, ob es weiteren Regulierungsbedarf für die Zeitarbeit gibt. Sollte das deutsche „Jobwunder“ ein jähes Ende finden, wird man sich an die Mütter und Väter der Beschlüsse erinnern.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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