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Kommentar : Wo ist nur die ganze Zeit geblieben?

Der technische Fortschritt hat unser Leben einfacher gemacht. Aber mehr Zeit haben wir nicht.

          2 Min.

          Zeit ist ein flüchtiger Gefährte. Eigentlich ist sie immer da, jeden Tag, 24 Stunden lang. Doch will man sich ihr mit Muße widmen, ist sie schon wieder verschwunden. Es ist einfach immer etwas zu tun. Das weiß jeder, der schon einmal versucht hat, Freunde, Bekannte oder Kollegen für Ad-hoc-Geselligkeit zu begeistern: „Extrem verlockend!“, schrieb jüngst ein Freund zu einem spontanen Vorschlag. „Aber bei mir passt es leider nicht in den eng getakteten Event-Plan.“

          Ein einigermaßen erfülltes Sozialleben hat heutzutage nur der, der es versteht, schon lange im Voraus die Privattermine so geschickt zu legen wie die Eckdaten eines wichtigen Conference Call. Dann darf aber auch wirklich nichts mehr dazwischenkommen. Sonst ist der Termin verflogen, und der nächste lässt wieder Wochen auf sich warten.

          Wo ist sie nur geblieben, die ganze Zeit? Wer sich auf die Suche nach ihr macht, findet viele Versprechungen: Was hat es in den vergangenen Jahrzehnten für Erfindungen gegeben, die das Leben verbessern, die den Aufwand minimieren und die freie Zeit maximieren sollen: das Auto und der Zug, Wasch- und Spülmaschine, der Computer und nicht zuletzt das Internet und die Smartphones. Niemand muss mehr stundenlang anstehen, selbst einkaufen kann man vom Sofa aus. Ist nicht alles immer einfacher geworden?

          Die Zeitnot ist unser ständiger Begleiter

          Ist es wohl nicht, sonst wäre nicht die Zeitnot unser ständiger Begleiter. Am einfachsten ist das Phänomen noch für berufstätige Eltern kleiner Kinder zu erklären: Die Ansprüche des Arbeitgebers sind hoch, das Angebot an Kinderbetreuung niedrig, da ist das Ungleichgewicht offenkundig. Doch Kinder zu kriegen war noch nie ein Waldspaziergang. Und keiner hat behauptet, dass es je so war.

          Viel interessanter ist, warum auch alle anderen Bevölkerungsgruppen immer in Eile sind. Stress ist subjektives Empfinden und kann auch Leute befallen, von denen alle anderen meinen, sie müssten doch alle Zeit der Welt haben. Haben sie aber nicht.

          Es ist nicht überraschend, dass die Arbeit als die Keimzelle allen Übels gilt. Früher definierten sich die Menschen über den Status, heute über die Arbeitsbelastung. Vom Großen Gatsby wusste der Leser nur, dass er viel Geld hat und seine Zeit mit Partys und schönen Frauen verbringt. Heute müsste er schon Manager mit einem überquellenden Terminkalender sein, um Bewunderung zu ernten.

          Die Belastung hat für alle Bevölkerungsgruppen zugenommen, dabei gilt auch hier: Eigentlich ist das Arbeitsleben effizienter geworden, die Hilfsmittel raffinierter. Inzwischen macht es kaum mehr einen Unterschied, wo man arbeitet, Computer und Internet sorgen für eine optimale Ausstattung, überall. Doch den Mitarbeitern ist damit erstaunlich wenig geholfen: Mit dem technischen Fortschritt ist auch ihre Tätigkeit komplexer geworden. In vielen Berufen lässt sich der Erfolg eines Mitarbeiters nicht mehr daran ablesen, wie viele Akten er bearbeitet oder wie lange das Licht in seinem Büro brennt. Statt der Stechuhr nutzen Arbeitgeber heute komplizierte Vorgaben für Ober-, Unter- und Zwischenziele, um die Leistung ihrer Mitarbeiter zu messen. Ein Irrglaube, der viel Zeit kostet.

          Und noch ein wichtiger Aspekt treibt zur Eile: In vielen Berufen sind Zeit und Verdienst unmittelbar aneinandergekoppelt. Zeit ist Geld, für Selbständige ist dieser Zusammenhang besonders schmerzvoll. Das macht die Freizeit teuer - in doppelter Hinsicht. Müßiggang muss man sich leisten können.

          Was so knapp bemessen ist, wird kostbar. Kein Wunder, dass nun auch unsere freie Zeit zu einer besonderen Herausforderung wird: Sollte sich nicht jede Minute freie Zeit besonders lohnen? Da wird das umfangreiche Freizeitangebot schnell zur Falle: Ob man nun ins Theater oder ins Kino geht, Freunde trifft oder die Familie oder einfach nur ein gutes Buch liest, muss gut überlegt sein. Groß ist die Gefahr, dass man das Falsche wählt. Vielleicht sollte man sich öfter dafür entscheiden, nicht das ganze Leben zu verplanen, sondern einfach einmal nichts zu tun. Und schauen, ob die Zeit dann bleibt.

          Der technische Fortschritt hat unser Leben einfacher gemacht. Aber mehr Zeit haben wir nicht.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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