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Kontaktnachverfolgung : Wir brauchen eine neue App gegen Corona

Rapper Smudo demonstriert auf seinem Smartphone die Funktionsweise der App „Luca“. Bild: dpa

Die neue Luca-App könnte helfen, die Datenschutzbremse zu lösen, die der bisherigen Corona-App zu schaffen macht. Als Ergänzung, nicht als Ersatz.

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          Natürlich kann man auch jetzt wieder fragen: Warum gibt es das nicht schon längst? Aber das bringt uns wieder nicht voran bei der dringend notwendigen Verbesserung des Corona-Krisenmanagements. Denn entscheidend ist nicht, was früher hätte erreicht werden können, wenn es denn in Angriff genommen worden wäre. Es zählt allein das, was jetzt nicht versäumt, sondern tatsächlich gemacht wird.

          Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass in Deutschland die flächendeckende Einführung der App zur Kontaktnachverfolgung Luca oder eines ähnlichen Dienstes offenbar kurz bevorsteht. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Luca diese Woche als ein Beispiel dafür, wie Digitaltechnik in der Pandemiebekämpfung helfen kann, ihr Vizekanzler Olaf Scholz schwärmt ebenso von den Vorzügen der App. Denn diese könnte dabei helfen, zum Beispiel den sicheren Besuch von Restaurants und Kneipen in Deutschland wieder möglich zu machen.

          Luca soll es überflüssig machen, dass man, wie in der Vergangenheit, im Lokal seinen Namen auf einen Zettel schreibt, den der Wirt dann für eine mögliche „Kontaktnachverfolgung“ durch das örtliche Gesundheitsamt aufheben muss. Stattdessen sollen die Nutzer den Besuch einer Kneipe oder auch eines Musikkonzerts per Handy unkompliziert elektronisch dokumentieren. Diese Daten können nach Angaben der Luca-Entwickler nicht vom Gastwirt oder Konzertveranstalter eingesehen werden. Sie werden aber an die Gesundheitsämter weitergeleitet, wenn der Nutzer dem zustimmt. Der direkte Draht zum Amt ist ein wichtiger Unterschied zur bisherigen wenig effektiven Corona-App, die eine solche Weitergabe von Informationen aus Datenschutzgründen nicht vorsieht.

          „Wir haben den Feuerlöscher an der Wand, wir müssen ihn nur runterreißen“

          Natürlich hat Luca auch deshalb viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als ähnliche Dienste, weil der Popstar Smudo von den Fantastischen Vier lautstark für die von einem Berliner Unternehmen entwickelte App wirbt. „Wir haben den Feuerlöscher an der Wand, wir müssen ihn nur runterreißen“, tönt der Rapper. Vielleicht ist das ein allzu vollmundiges Versprechen. Aber wichtiger ist etwas anderes: Eine Nachverfolgungs-App kann nur dann funktionieren, wenn sie von vielen Bürgern genutzt wird. Und ein Promi wie Smudo als Zugpferd hilft ganz offensichtlich dabei, dies zu erreichen, wie die hohen Download-Zahlen von Luca zeigen.

          Natürlich sind solche digitalen Dienste keine Wunderwaffen, sondern nur ein Mosaikstein im Kampf gegen Covid. Zudem müsste auch Luca erst einmal den Härtetest in der Praxis bestehen. Auch würden solche Dienste die bisherige Corona-App nicht ersetzen, sondern wohl lediglich ergänzen – womit aber auch schon etwas gewonnen wäre. Unklar ist außerdem, wie effizient die von der App an die Gesundheitsämter weitergeleiteten Daten dort verarbeitet werden. Die Behörden kämpfen bekanntlich immer noch mit der Einführung ihrer eigenen Epidemiebekämpfungs-Software namens Sormas. Aber auch hier gibt es Fortschritte.

          Vor allem jedoch könnte die Luca-App helfen, die Datenschutzbremse, die der bisherigen Corona-App zu schaffen macht, zu lösen. Die Nutzer haben es selbst in der Hand, dazu beizutragen, dass die digitale Kontaktnachverfolgung funktioniert – eben indem sie der Weitergabe ihrer Daten an die Gesundheitsämter zustimmen. Statt endlose Datenschutz-Debatten zu führen, wird die Entscheidung den Bürgern übertragen. Das könnte ein pragmatischer Ansatz sein, der dem Ernst der Lage in der Pandemie Rechnung trägt.

          Deutschen Politikern ist in den vergangenen Monaten zu Recht immer wieder vorgeworfen worden, im Kampf gegen Covid zu zaudernd und bürokratisch vorzugehen. Wenn sich die Politik jetzt tatsächlich schnell dazu durchringen sollte, den flächendeckenden Einsatz von Luca freizumachen, dann wäre das ein gutes Signal, dass es auch anders geht in Deutschland.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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