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Kommentar : Wenn China hustet

  • -Aktualisiert am

Wie geht es China wirklich? Und was bedeutet das für uns? Bild: dpa

China hat seine Währung abgewertet und die Nachricht, die dahinter steckt, versetzt viele in Sorge: Chinas Wirtschaft geht es offenbar weit schlechter als gedacht. Doch wie gefährlich ist das nun für die Weltwirtschaft?

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          Vor wenigen Monaten ist etwas Bemerkenswertes passiert. China hat die Vereinigten Staaten überholt und auf Platz zwei verwiesen. Nicht bei den Exporten, da ist China schon lange viel stärker als alle anderen, nein, mitten im Zentrum der Macht: bei der Wirtschaftskraft, dem Bruttoinlandsprodukt. Das International Comparison Program der Weltbank kam zu dem Schluss, dass China 2015 (gemessen in Kaufkraftparitäten) die stärkste Wirtschaft der Welt hat. Das zeigt, dass die Finanzmärkte derzeit zu Recht in Aufregung sind. Wenn China schwere wirtschaftliche Probleme hat, dann betrifft das die ganze Welt.

          Was ist passiert? China hat seine Währung abgewertet. Ein Schritt, den das Land relativ leicht unternehmen kann, denn seine Währung ist staatlich kontrolliert. Ein Schritt, der aber für viele unerwartet kam. Es ist nicht die Abwertung an sich, die die Märkte aufschreckt. Es ist die Nachricht, die dahintersteckt: Chinas Wirtschaft geht es offenbar weit schlechter als gedacht. Die hohen Wachstumsraten von zuletzt um 7 Prozent können in diesem Jahr offenbar nur schwer erreicht werden. China, dieses lange boomende Reich, boomt nicht mehr.

          Das ist ein Grund, sich Sorgen zu machen um die Weltwirtschaft. Es gibt weitere. Der derzeit wichtigste: Die Zentralbanken der großen Volkswirtschaften in Europa, Amerika und Japan haben kaum mehr Spielraum, um irgendetwas zu tun, falls es mit China schlimmer kommt. Seit dem Jahr 2008 halten sie die Zinsen nahe null, mittlerweile hat auch die letzte unter ihnen, die Europäische Zentralbank, begonnen, in großem Stil Staatsanleihen anzukaufen. Damit haben sie die Kurse getrieben und die Wirtschaft am Laufen gehalten. Doch falls es Kurseinbrüche gibt, etwa wegen China, bleibt den Zentralbanken kaum mehr etwas, was sie tun können.

          „Bitte anschnallen, es gibt Turbulenzen!“

          Jetzt gilt die Ansage: „Bitte anschnallen, es gibt Turbulenzen!“ Nicht nur für Börsen, sondern auch für ganze Volkswirtschaften. Insbesondere Rohstoffexporteure, beispielsweise Länder, die vom Verkauf von Öl leben, haben nun Probleme. Denn China ist ein großer Abnehmer. Wenn er schwächelt, kann ihre Wirtschaft einbrechen. Der Ölpreis sank in der vergangenen Woche kurzzeitig auf 40 Dollar. Vor einem Jahr stand er noch bei über 90 Dollar.

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          Aber man sollte es auch nicht übertreiben. Ein Absturz in die Rezession steht hierzulande nicht bevor. Für deutsche Auto- und Maschinenhersteller ist China zwar mittlerweile ein sehr wichtiger Markt. Ihre Verkäufe werden zurückgehen. Doch die entwickelten Länder der Welt insgesamt sind von Chinas Problemen nicht so stark getroffen wie andere. Noch immer ist China ein Land, aus dem der Westen vor allem importiert – und Importe werden nun billiger.

          Ein Börsencrash ist die größte Gefahr

          Für Deutschland ist China zwar auch das fünftwichtigste Exportland, aber Amerika und Großbritannien sind wichtiger – und dort läuft es nach den schweren Jahren der Finanzkrise inzwischen wieder ganz gut. Die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Leute geben wieder Geld aus. Dazu kommt der niedrige Ölpreis, der zwar eine Folge von Chinas Problemen ist, der aber auch wie ein eigenes kleines Konjunkturprogramm wirken kann. Den Exporteuren in Deutschland hilft zudem noch der derzeit schwache Euro.

          Die größte Gefahr, die es kurzfristig gibt, ist die eines Börsencrashs. Er würde stark auf die Wirtschaft wirken, weil die Notenbanken, wie gesagt, keinen Spielraum haben, die Märkte zu besänftigen. Robert Shiller, Nobelpreisträger und Finanzmarktanalytiker, hat in der vergangenen Woche gewarnt, dass weitere „Nachschocks“ möglich seien. Die Märkte seien schon seit einiger Zeit stark überbewertet. „Ich tendiere zu der Prognose, dass es nach unten geht“, sagte er. Einen echten Crash mochte aber selbst Shiller, ein Pessimist, nicht prognostizieren. Langfristig sieht er China, die neue Weltwirtschaftsmacht Nummer eins, zurück mit gutem Wachstum.

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