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Ein falsches Bild vom Ausland : Vorsicht bei den Covid-Inzidenzzahlen

Menschen stehen Schlange vor einem Corona-Testzentrum in Paris Bild: AFP

Vor allem in internationalen Vergleichen wird die sehr unterschiedliche Höhe der vorgenommenen Tests oft nicht berücksichtigt. Das kann zu einem verzerrten Bild mit vielen schädlichen Folgen führen.

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          Es ist Ostern, doch die Pandemie lastet auf dem Fest der Hoffnung. Viele richten den Blick auf die meist täglich veröffentlichten Inzidenzzahlen, die über das Ausmaß der Ansteckungen gemessen an der Bevölkerung – meist je 100.000 Personen – Auskunft geben sollen.

          Dabei haben diese Zahlen eine große Schwäche: Sie berücksichtigen nicht die Veränderung des Testgeschehens. Der Zusammenhang – mehr Test, mehr entdeckte Virusträger – liegt zwar nicht immer vor. Denkbar ist etwa, dass man viel in kaum betroffenen Bevölkerungsgruppen testet; dennoch ist die Häufigkeit der Tests ein nicht zu vernachlässigender Faktor bei der Bewertung der Inzidenzzahlen. Dass die Zahl der Tests die Höhe der gefundenen Ansteckungen beeinflusst, gilt als sehr wahrscheinlich.

          Innerhalb eines Landes ist es schon schwer, sich die permanent verändernde Zahl der Tests in der Darstellung des Ansteckungsgeschehens zu berücksichtigen. Erst recht gilt das für internationale Vergleiche. Die reinen Inzidenzzahlen sagen wenig darüber aus, in welchen Ländern das Virus mehr oder weniger zirkuliert.

          Frankreich und Großbritannien testen mehr

          Die Gegenüberstellung der Nachbarländer Deutschland und Frankreich zeigt das besonders: Das Robert Koch-Institut wies für Deutschland am 2. April eine 7-Tage-Inzidenz von 134 je 100.000 Einwohner aus. Santé publique France berichtete wenige Tage zuvor von 386 Ansteckungen je 100.000.

          Hat sich das Virus in Frankreich damit fast dreimal so stark ausgebreitet wie in Deutschland? Diese Aussage muss stark bezweifelt werden. Frankreich fährt seit Monaten eine breite Kampagne kostenloser Test, die schnell und an vielen Stellen erhältlich sind. Laut dem Datenportal „Our World in Data“ wurden in Frankreich Ende März 7,01 Tests je 1000 Einwohner vorgenommen; in Deutschland waren es 2,39 Tests je 1000 – zwei Drittel weniger. Spitzenreiter ist nach dieser Darstellung übrigens Österreich mit 36,55 Tests; auch Großbritannien liegt mit 15,66 auf einem der vordersten Ränge.

          Der französische Abgeordnete Christophe Arend aus dem grenznahen Departement Moselle hat in dieser Woche in einem Meinungsbeitrag in „Le Monde“ Alarm geschlagen. Falsche Vergleiche dürften nicht die Basis sein für Reisebeschränkungen und andere Barrieren. Er weist auch darauf hin, dass in Deutschland positive Tests zum Auffinden neuer Varianten deutlich weniger sequenziert werden als in Frankreich. Weil die beiden Nachbarländer im Kampf gegen Covid nicht an einem Strang zögen, stelle sich die Frage, ob Deutschland und Frankreich „die Europäische Union töten“, formuliert er provokativ.

          Das richtige Bild vom Nachbarn

          Soweit muss man nicht gehen. Es ist nachgewiesen, dass geringere Mobilität die Ansteckungen verlangsamt. Dass nationale Grenzen da wieder aufleben, ist nicht absurd. Allerdings ist es wichtig, sich das richtige Bild vom Nachbarn zu machen. Sinnvoll wäre etwa auch der Blick auf die Positivrate der Tests: In Frankreich lag sie Ende März laut „Our World in Data“ auf einer 7-Tage-Basis bei 8,2 Prozent positiven Ergebnissen je vorgenommenen Tests, in Deutschland fiel sie dagegen mit 9,3 Prozent höher aus. Anders als bei den Inzidenzzahlen könnte man daraus nun schließen, dass das Virus in Deutschland mehr zirkuliert als in Frankreich.

          Die Bundesregierung weist darauf hin, dass sie bei der Entscheidung über Reisebeschränkungen eine Reihe statistischer Kriterien berücksichtige; unter anderem sei auch das Außenministerium mit seinen Kenntnissen über das Ausland einbezogen. Das RKI, das die zugrundeliegenden Daten liefert, berichtet jedoch, dass für die Einstufung von Hochinzidenz- und Risikogebieten in einem ersten Schritt „festgestellt wird, in welchen Staaten/Regionen es in den letzten sieben Tagen mehr als 200 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gab“.

          Das spricht dafür, dass die Inzidenzzahlen zumindest bei internationalen Vergleichen überbewertet werden. Wenn dies zu einem verzerrten Bild der Lage jenseits unserer Grenzen führt, wäre Schaden in diplomatischen und anderen weitergehenden Fragen die Folge. Kein Datensatz ist perfekt. Umso mehr Sorgfalt ist bei der Interpretation der Zahlen nötig.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

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