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Kommentar : Hat die Deutsche Bank eine Zukunft?

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Viele Herausforderungen warten in der Zukunft. Bild: dpa

In keinem Geschäftsfeld steht die Bank so fest da, dass sie nicht ernstlich attackiert werden könnte. Auf John Cryan kommen einige Probleme zu.

          3 Min.

          Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank werden an diesem Donnerstag die Hauptrollen klar verteilt sein. John Cryan, der künftige alleinige Vorstandsvorsitzende, wird die Rolle des Hoffnungsträgers spielen müssen, obgleich er nicht das Naturell besitzt, einen vollen Saal mit markigen Worten mitzureißen. Cryans Stärken sind seine unbestrittene fachliche Kompetenz, seine Durchsetzungskraft nach innen sowie seine Integrität. Die Rolle des Schwarzen Peters, die auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr der damalige Vorstand spielen musste, dürfte dieses Mal der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner übernehmen. Achleitner, obgleich erst seit 2013 in der Bank, verkörpert das alte System mit einer dominierenden Rolle eines Investmenbankings, das einerseits viele Erträge generierte, aber in Form hoher Kosten in Gestalt von Gehältern, Boni und Strafzahlungen für vielfältige Skandale die Bank teuer zu stehen gekommen ist. Dass kurz vor der Hauptversammlung schwere Spannungen im Aufsichtsrat zutage traten, die im Rückzug seines Chefaufklärers Georg Thoma gipfelten, verstärkt die Zweifel an der Führungsfähigkeit Achleitners. Auch die Vergütungspolitik ist in den vergangenen Tagen von Aktionären hart kritisiert worden.

          Bittere Worte dürften auf dieser Hauptversammlung fallen; mit „sowjetischen“ Abstimmungsergebnissen wird besonders bei der Entlastung des Aufsichtsrats nicht zu rechnen sein. Aber eine Palastrevolution steht nicht zu erwarten, denn viele Aktionäre sind zwar über die Vergangenheit und ihre Aufarbeitung zu Recht erbost. Aber sie wollen auch nach vorne schauen – in eine hoffentlich gute Zukunft für die einzige deutsche Bank von internationalem Format. Doch die Zukunft der Deutschen Bank ist möglicherweise weniger gut, als dies viele Aktionäre hoffen mögen. Denn die strategischen Defizite der Bank existieren unverändert, und sie werden sich auch nicht allein durch eine radikale Kostenkontrolle und eine dringend notwendige Modernisierung der Informationstechnologie überwinden lassen.

          Nicht nur Kundenkontakte vernachlässigt

          Das strategische Grundproblem der Bank lautet: Sie ist zwar, was oft unterschätzt wird, recht ertragsstark. Aber in keinem ihrer vier Geschäftsbereiche steht sie so fest da, dass sie nicht ernsthaft herausgefordert werden könnte. Ihre Reserven sind arg bescheiden. Und sie befindet sich in einer Branche, die als Folge von Regulierungen, Niedrigzins und digitaler Revolution vor Umwälzungen steht, die auch Giganten erfassen werden. Zur Beurteilung der Deutschen Bank gehört auch die Feststellung, dass gerade in Europa viele Banken derzeit nicht sehr gut dastehen.

          Angesichts dieser schwierigen Rahmenbedingungen ist es immer eine naive Vorstellung gewesen, die Deutsche Bank müsse nur Anshu Jain und seine Investment-Bankerfreunde in die Wüste schicken, und alles werde gut. Schon nach knapp einem Jahr als Ko-Vorstandsvorsitzender wird nun auch Cryan kritisch gesehen. Der Hoffnungsträger hat nicht nur Kundenkontakte vernachlässigt und Repräsentationsaufgaben nicht als Verpflichtung empfunden. Cryan hat mit seiner offenen Ankündigung, dass kaum vor 2018 mit einem guten Ergebnis gerechnet werden könne, den Aktienkurs belastet. Denn wer soll heute die Aktie eines Unternehmens kaufen, das erst in zwei Jahren wieder rund laufen soll? Anstatt auf die Pauke zu hauen, hat sich Cryan in der Bank eingeschlossen, um sie bis ins Detail auf den Prüfstand zu stellen. Wurde Jain sein schillerndes Auftreten vorgehalten, raunt man jetzt über den kauzig wirkenden Eremiten Cryan. In dem Unbehagen des Publikums über das Führungspersonal und die ausbleibenden Erfolge spiegelt sich die Malaise der Bank.

          Aufsichtsrat muss Topform finden

          Aber ein Besserer ist nicht da: John Cryan ist längst der starke Mann der Deutschen Bank. Er besitzt die Fähigkeit, die zahllosen Ineffizienzen dieser lange Zeit nicht gut geführten Bank zu reduzieren und verborgene Kräfte zu wecken. Vor allem ist er ein Mann, der die sehr unterschiedlichen Geschäftsbereiche der Bank zusammenhalten kann, weil er keinem einzelnen zugeordnet werden kann. Anders als Jain, der in Deutschland nie wirklich angekommen war, spricht Cryan Deutsch – was sehr wichtig ist, um die sich seit langem vernachlässigt fühlenden Mitarbeiter und Aktionäre in Deutschland zu erreichen und mitzunehmen.

          Aber so versiert Cryan als Sanierer, Aufräumer und interner Organisator auch sein mag: Er braucht einen starken Aufsichtsrat, der nicht nur den Vorstand beaufsichtigt, sondern auch als kompetenter Sparringspartner in strategischen Fragen dient. Ein Geschäftsmodell, das die Bank auf vier Säulen ruhen lässt, von denen keine einzige sehr mächtig wirkt, mag sich in den kommenden Jahren sehr wohl als nicht nachhaltig erweisen. Dann wird die heikle Frage zu beantworten sein, was die Deutsche Bank ohne das besonders in Deutschland wenig geliebte Investmentbanking wert wäre. Der Vorstand der Deutschen Bank ist runderneuert. Jetzt muss der Aufsichtsrat seine Topform finden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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