https://www.faz.net/-gqe-9tmug

Worüber Norwegen streitet : Scheinheiliger Klimasünder?

Norwegische Bohrinsel in der Nordsee Bild: Reuters

Die Norweger gelten als Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Elektromobilität, doch ihren Reichtum haben sie vor allem Öl und Gas zu verdanken. Wir können uns den Ausstieg aus dem Öl leisten, sagen Naturschützer. Doch in der Praxis ist das kompliziert.

          3 Min.

          Norwegen, du hast es besser! Wenn im Kampf gegen den Klimawandel nach Vorbildern gesucht wird, richtet sich der Blick stets zuverlässig auf das Königreich im Norden. Dort gibt es seit fast dreißig Jahren eine Steuer auf Kohlendioxidemissionen, die beispielsweise Benzin und Erdgas teurer macht. Dort kommt sauberer Strom aus der Steckdose, weil Wasserkraftwerke fast den gesamten Bedarf an Elektrizität decken. Und dort werden Elektroautos so großzügig gefördert, dass sie unter den Neuzulassungen sogar schon vor Autos mit Verbrennungsmotoren stehen.

          Norwegen, du hast es besser! Die Skandinavier sind nicht nur beim Klimaschutz weit vorn, sondern auch beim Wohlstand. Das höchste Bruttosozialprodukt je Kopf unter allen Flächenstaaten in Europa und kaum öffentliche Schulden sprechen für sich. Mehr noch: Es gibt einen Staatsfonds, gewissermaßen ein kollektives Sparschwein für schlechtere Zeiten, dessen Wert aktuell umgerechnet rund eine Billion Euro beträgt. Das ist bei 5,5 Millionen Einwohnern eine sagenhafte Summe. Jeder Norweger hat, rein rechnerisch, 180.000 Euro auf der hohen Kante.

          Der Reichtum stammt zum ganz überwiegenden Teil aus dem Export von Öl und Gas. Und diese Tatsache stellt Norwegens Klimaschutzbemühungen in ein ganz anderes Licht. Taugt das Land tatsächlich als Vorbild? Oder ist es ein übler Klimasünder, noch dazu ein scheinheiliger? Das ist die Frage, an der sich in Norwegen derzeit die Geister scheiden – ganz ähnlich, wie viele Deutsche darüber grübeln, ob sie auf ihre Autoindustrie noch stolz sein können oder ob sie sich für sie schämen müssen.

          Wirtschaftlich hängt Norwegen, das seit der Entdeckung des ersten Ölfelds in der Nordsee anno 1969 einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt hat, bis heute davon ab, Öl und Gas aus dem Meeresboden zu pumpen und in den Rest der Welt zu liefern. Dort werden die vor Millionen von Jahren entstandenen Bodenschätze in Motoren und Turbinen verfeuert. Dabei wird massenhaft Kohlendioxid freigesetzt, zum Schaden des Klimas. Das geschieht aber zum überwiegenden Teil eben nicht in Norwegen, sondern im Ausland. Das hält die norwegische C02-Bilanz sauber. Aber wenn eine ganze Gesellschaft so sehr von den andernorts verbuchten Emissionen profitiert, muss sie dann nicht auch einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen?

          Von der Natur begünstigt

          Norwegen ist, gemessen an der Fördermenge, keines der ganz großen Erdölländer. Es rangiert erst auf Rang 15, weit hinter den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Russland. Doch Norwegen ist von der Natur gleich doppelt begünstigt: Weil es die vielen Staudämme und Wasserkraftwerke schon gab, als die ersten Ölvorkommen entdeckt wurden, waren nie die einheimischen Unternehmer und Verbraucher die wichtigsten Abnehmer, sondern stets das Ausland. Deshalb geht fast die gesamte Förderung in den Export, ein äußerst lukratives Geschäft. Dasselbe gilt für das Erdgas. Unter den großen Gas-Exporteuren der Welt steht Norwegen auf Platz zwei, gleich hinter Russland. Ein Viertel des gesamten deutschen Erdgasverbrauchs stammt aus norwegischen Lagerstätten.

          Nun fordern die Umweltverbände in Norwegen, das Land solle die Rohstoffförderung senken oder zumindest keine neuen Fördergebiete mehr ausweisen. Wir können uns den Ausstieg leisten, also müssen wir damit vorangehen, lautet das Argument. Aus der Öl- und Gasbranche kommt, wie zu erwarten, Widerspruch. Nirgendwo sonst würden die Bodenschätze so umweltverträglich gefördert wie in Norwegen. Deshalb müssten zuerst alle anderen Länder die Förderung aufgeben und Norwegen erst ganz zum Schluss.

          Das sind die theoretischen Extrempositionen. Die Praxis ist komplizierter. Drei Beispiele: Der Staatsfonds, der sich aus dem Öl- und Gasreichtum speist, hat aus Rücksicht auf das Klima alle Beteiligungen an Kohlekonzernen verkauft. Die Regierung, die mit viel Geld den klimafreundlichen Nahverkehr ausbaut, gibt gleichzeitig so viele neue Gebiete für die Rohstoffförderung frei wie nie zuvor. Und die Hochleistungspumpen der neuesten Förderplattform in der Nordsee, die rund 95 Millionen Liter Öl am Tag fördern sollen, werden nicht wie früher üblich von einer Gasturbine angetrieben, sondern über ein 200 Kilometer langes Unterseekabel mit Öko-Strom vom Festland, auf dass dabei möglichst wenig Kohlendioxid an Ort und Stelle ausgestoßen wird.

          Norwegen mag es besser haben als viele andere Länder. Einfach ist es deshalb aber auch dort nicht, ethischen Anspruch und wirtschaftliche Realität miteinander zu vereinbaren. Eine Lösung wäre, die leergepumpten Brennstoff-Lagerstätten unter der Nordsee als riesige CO2-Speicher zu vermieten. Das wäre gut fürs Klima – und könnte zum nächsten lukrativen Geschäftsmodell Norwegens werden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.