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Kommentar : Sparen mit Gesundheits-Apps?

Die App macht’s möglich: Wer fit ist und das auch seinen Versicherer wissen lässt, dem winken künftig wohl große Vorteile. Bild: Frank Röth

Mit Gesundheits-Apps können Versicherer widerspruchslos Daten ihrer Kunden sammeln – und stoßen damit auf viel Wohlwollen. Technische Rabatte winken dem, der die Versicherungen tief in sein Leben schauen lässt. Das birgt Risiken.

          Das Image von Versicherern ist mäßig. Sie gelten als solide, aber langweilig, intransparent und wenig aufgeschlossen gegenüber Neuem. Innovationen beäugen sie vorsichtig, bevor sie diese übernehmen. Mit den modernen Gesundheits-Apps könnte sich dieses Bild ändern. Wenn Kunden ihre Daten über die neuen Apps an die Versicherer weiterleiten, winken ihnen Vorteile: ein guter Body-Mass-Index gegen Geldgeschenke. Der regelmäßige Check lässt sich mit Wettbewerbselementen verbinden. Kunden messen sich untereinander. Versicherungsprodukte, die als „unsexy“ galten, bekommen Lifestyleelemente. Wer könnte etwas dagegen haben?

          Mit der Generali setzt nun der erste Versicherer in seinem Heimatmarkt Italien auf solche Boni-Programme. Beim Kunden stößt das auf Wohlwollen. Immerhin 32 Prozent der Deutschen sind nach einer Befragung des Marktforschungsinstituts Yougov bereit, fitness- und gesundheitsbezogene Daten mit ihrem Krankenversicherer zu teilen. Das überrascht nicht: Winken Steuervorteile, lassen Deutsche das Finanzamt freiwillig die eigene Lebensführung überprüfen. Können sie im Supermarkt sparen, sammeln sie auf Kundenkarten alle Informationen über ihre Einkäufe.

          Versicherungskonzerne wollen Nachteile beseitigen

          Wie „Big Data“ Freude bereiten kann, zeigt auch die Autoversicherung. Wer eine kleine Telematik-Box ins Fahrzeug einbaut, wird in die Lage versetzt, echte Fahrdaten an seinen Versicherer weiterzuleiten. Hält der Kunde sich an Tempolimits und bremst vor roten Ampeln nicht zu abrupt, belohnt ihn die Versicherung – in entsprechenden Tarifen – mit Beitragsrabatten. Hinterher lässt sich auf einer App das eigene Fahrverhalten an jeder Kurve präzise überprüfen. Das macht tatsächlich mehr Spaß, als sich am Jahresende über scheinbar willkürlich erhöhte Prämien zu ärgern.

          Ob Telematik-Box oder Gesundheits-App: beide helfen Versicherungskonzernen, ihren strukturellen Nachteil gegenüber den Versicherten auszugleichen. Denn Kunden können nach dem Vertragsschluss ihr Risikoverhalten selbst bestimmen, ohne dass der Versicherer darauf Einfluss hat. Über den Datenabgleich minimieren die Anbieter dieses moralische Risiko (Moral Hazard). Wie so oft in der Diskussion über Big Data, gilt auch hier: Hat der Kunde nichts zu verbergen, überwiegt vermutlich sein Nutzen, wenn er die Informationen preisgibt.

          Ethische Grenzen der Selektion

          Doch weiß der Kunde, was er verlieren kann? Als die deutschen Berufsunfähigkeitsversicherer nach der Marktliberalisierung ihre Bedingungen schrittweise verbesserten, jubelten Verbraucherschützer. Bald aber begannen Anbieter, stärker zwischen ihren Kundengruppen zu unterscheiden: Bankangestellte bekamen vergleichsweise günstigen Versicherungsschutz, Dachdecker und Lehrer nicht. Das ist der Nachteil der Selektion: Je stärker Versicherer differenzieren, desto mehr entziehen sie sich dem Versicherungsgedanken – nach dem sich Risiken am effizientesten absichern lassen, wenn der Umfang des Kollektivs möglichst groß ist. Den individuellen Vorteilen begünstigter Gruppen stehen die Nachteile eines nicht mehr funktionstüchtigen Marktes gegenüber. Das haben weder Versicherer noch Verbraucher so vorausgeahnt.

          Auch aus ethischen Gründen gibt es Grenzen der Selektion. Um einer gesellschaftlichen Debatte vorzugreifen, haben deutsche Versicherer frühzeitig eine freiwillige Selbstverpflichtung abgegeben, nach der sie Gentests auf Erbkrankheiten nur bei außergewöhnlich hohen Versicherungssummen einsetzen werden. Warum ist die Gesellschaft hier so sensibel? Kranken- und Lebensversicherer sind der bevorzugte Partner der Politik in der privaten Ergänzung der Sozialversicherung. Dafür genießen sie Privilegien und Unterstützung durch die Politik. Von der Absicherung existentieller Risiken sollen Verbraucher möglichst wenig ausgeschlossen werden. Differenzieren Versicherer stärker, müssen sie sich den Vorwurf der Rosinenpickerei gefallen lassen.

          Krankenversicherer dürfen Kunden nicht benachteiligen

          Schon jetzt stehen private Krankenversicherer unter dem Verdacht, dass ihr Schutz trotz verzinster Rückstellungen im Alter zu teuer wird. Dazu hat beigetragen, dass sie schon in der Vergangenheit zu stark differenziert und viele Sondertarife eingeführt haben. Was aus Kunden wird, die sich für einen Tarif mit Gesundheits-App entschieden haben und im Alter weniger fit sind als erhofft, ist schwer vorherzusagen. Zumindest besteht die Gefahr, dass sich das Angebot später als gar nicht mehr so vorteilhaft herausstellt.

          Die Branche bewegt sich auf sensiblem Terrain. Als Ergänzung zur Sozialversicherung darf sie sich nicht die Blöße geben und Kunden benachteiligen. Hier liegt ein Unterschied zu den Telematik-Boxen im Auto: Mit dem Vertrag gehen Kunde und Versicherer eine Beziehung auf Lebenszeit ein. Ist der Versicherte dagegen die Datenübertragung im Auto leid, wechselt er einfach seinen Anbieter. Das ist in der Krankenversicherung derzeit nicht ohne weiteres möglich.

          Festzuhalten bleibt: Versicherer sind auf diese Art von Daten nicht angewiesen. Moralische Risiken lassen sich auch durch sinnvolle Gesundheitsfragen vor Vertragsabschluss begrenzen. Danach kann es das Unternehmen dank des Ausgleichs im Kollektiv dem Zufall überlassen, wer krank wird und wer gesund bleibt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

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