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Kommentar : Rosenkrieg um Karstadt

  • -Aktualisiert am

Die Entscheidung naht - das Ringen um Karstadt geht weiter Bild: APN

Im Gezerre um Karstadt macht bisher niemand eine überzeugende Figur. Jeder versucht, für sich zu retten, was zu retten ist. Derweil rückt der Schicksalstag näher - danach werden die Lieferanten nicht mehr mitmachen.

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          Eine hübsche Braut stellt man sich so gewiss nicht vor: Ergraut und in die Jahre gekommen, arm und bedürftig. Und doch wird um sie in einer Weise gebuhlt und geschachert, die Mitarbeitern, Kunden und der breiten Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln ist. Unter den involvierten Parteien – darunter eine Menge sturmerprobter Geschäftemacher – herrscht Rosenkrieg, lange bevor überhaupt ein glückliches Ende in Sicht ist.

          Mehr als zwei Monate ist es her, dass der Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg mit dem Investor Nicolas Berggruen einen Kaufvertrag für Karstadt unterzeichnet hat. Bisher sind die Unterschriften nicht viel wert. Denn der Vertrag kann nur vollzogen werden, wenn Einvernehmen über die endgültigen Mietkonditionen besteht. Zur Erinnerung: Im Bieterstreit um Karstadt waren neben Bergruen, der Finanzinvestor Triton und das Vermieterkonsortium Highstreet angetreten. Der bis dahin hierzulande kaum bekannte Milliardär Berggruen machte das Rennen und avancierte so über Nacht zum Medienstar. Doch während Triton geräuschlos die Szene verließ, bezog das Highstreet-Konsortium mit seinen dahinter stehenden Hauptakteuren Goldman Sachs und Deutsche Bank Abwehrstellung. Und das bei weitem nicht nur aus der verletzten Eitelkeit eines Unterlegenen.

          Es geht um sehr viel Geld. Der smarte Investor Berggruen ist ein knallhart rechnender Geschäftsmann, der für Karstadt nicht etwa das große Füllhorn im Gepäck hat, sondern beträchtliche Nachforderungen an die Vermieter stellt. Die inzwischen in Grundsatz vereinbarten neuen Mietkonditionen gehen ans Äußerste und bedürfen daher noch der Zustimmung der Highstreet-Gläubiger. Der am Ende furios gescheiterte Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff hatte im Rahmen des mit keinem geringeren als Goldman Sachs eingefädelten Immobiliengeschäfts die Warenhausfilialen auf der Basis sehr hoher Mieten für astronomische Summen an das Konsortium verkauft.

          Smarter, knallharter Rechner: Nicolas Berggruen

          Nähe und Nährboden

          Wenn jetzt empfindliche Abstriche an den Konditionen anstehen, sind neue Darlehensvereinbarungen fällig. Zugegeben, die Abstimmungsprozesse sind wegen der höchst komplizierten Konstruktion des damaligen Immobiliengeschäftes mühsam. Dass aber wiederholt Amtsgerichts-Termine gekippt wurden, nährt den Verdacht, dass auf Zeit gespielt wird.

          Der Zuschlag für Berggruen stört die Kreise anderer Spieler. Dazu gehört der Kaufhausbetreiber Maurizio Borletti, der ungeachtet seines 2 Prozent ausmachenden Anteils am Highstreet-Konsortium lange nach offiziellem Fristablauf ein eigenständiges Gebot für Karstadt abgegeben hat, bei Görg bisher aber abgeblitzt ist. Dazu gehört auch, obwohl nicht direkt involviert, der Düsseldorfer Metro-Konzern. Dessen Vorstandsvorsitzender Eckhard Cordes will seine Warenhauskette Kaufhof seit Jahren losschlagen und 2 bis 3 Milliarden Euro kassieren. Ihm kann nicht gleichgültig sein, was in Essen passiert.

          Denn angereichert mit attraktiven Filialen aus dem Karstadt-Portfolio ließe sich Kaufhof wohl endlich vermarkten. Dass die persönliche Nähe zu Goldman Sachs-Statthalter Alexander Dibelius Nährboden für rege Phantasien bietet, kommt nicht von ungefähr. Hat Cordes, Nachbar und Trauzeuge des als Meister des diskreten Netzwerkes titulierten Investmentbankers, nicht schon zu früheren Daimler-Zeiten manchen Deal mit Dibelius gemacht, und hat die amerikanische Bank nicht schon Middelhoff bei früheren Karstadt-Transaktionen zur Seite gestanden?

          Schicksalstag 3. September

          Die Blaupausen für eine Deutsche Warenhaus AG liegen in den Schubladen. Zwar hat Dibelius schon vor Wochen medienwirksam die Einigung mit Berggruen signalisiert. Aber wie oft ist in dieser trotz oder wegen des immensen Aufgebots an sehr teuren PR-Agenturen verworrenen Gemengelage schon die Rettung von Karstadt verkündet worden. Und wie oft taten sich umgehend neue Fallstricke auf. Welche Rolle das Highstreet-Konsortium und dessen Hauptakteure Goldman Sachs und Deutsche Bank dabei spielen, bleibt diffus. Dass es dort hinter den Kulissen mächtig brodelt, ist nicht mehr zu überhören.

          Borletti, der in dem Poker von rechts zu überholen versucht, um doch noch zum Zuge zu kommen, pflegt nicht nur regen Kontakt mit Cordes, der mit dem Italiener am liebsten gleich eine europäische Warenhausallianz schmieden würde. Der Spross einer italienischen Unternehmerfamilie mit Beteiligungen an den Warenhausunternehmen Printemps und La Rinascente genießt auch die Sympathien der Deutschen Bank, mit der er schon früher Geschäftsbeziehungen gepflegt hat.

          Dies ist umso brisanter, als Deutschlands größtes Geldhaus als einer der Gläubiger der Immobilienbesitzer Dawney Day im Boot war, als die Warenhausgruppe Hertie vor gut einem Jahr gegen die Wand fuhr. Angeblich hat Borletti das bessere Konzept, dafür aber weniger eigenes Geld. In dem Gezerre um Karstadt hat bisher niemand eine überzeugende Figur gemacht. Jeder versucht, für sich zu retten, was zu retten ist. Dabei sollte allen klar sein: Der Amtsgerichtstermin am 3. September ist Schicksalstag. Hat Karstadt bis dahin keinen solventen Besitzer, werden die Lieferanten nicht mehr länger mitmachen.

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