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Weinanbau : Risse in der Winzerwelt

  • -Aktualisiert am

Die Hochglanzkulisse ist nur der kleinere Teil der Weinwelt. Der größere Teil sieht weniger verlockend aus. Bild: dpa

Deutsche Winzer sind besser geworden, professioneller, mutiger. Doch die Weinbau-Idylle mit Sandsteinmauern und Mandelbäumen ist nur eine schöne Kulisse, hinter der es beinhart zugeht.

          Wein ist kein knappes Gut. Auch guter Wein nicht. Dass die deutschen Winzer besser geworden sind, ihr Profil geschärft haben, in Marketing investiert, die Kellertechnik professionalisiert, Mut bewiesen, vieles ausprobiert: in den Weinbergen, im Keller und in der Vermarktung – das steht außer Zweifel. Weine aus Deutschland müssen sich schon lange nicht mehr hinter französischen oder italienischen verstecken. Dieser Aufschwung wird in Deutschland von einem freundlichen Umfeld weiter genährt: Die neue Landlust, die wiedergewonnene Liebe zur Regionalität, nicht zuletzt solide Einkommen bieten Winzern einen fruchtbaren Boden. 6,50 Euro für 0,1 Liter Riesling werden heute in Restaurants ohne Wimpernzucken gezahlt. Ohne Frage: Viele Winzer haben vieles richtig gemacht.

          Rund um die Winzerschaft wächst die Beratergemeinde. Punkte werden vergeben und Rankings, Einkaufshilfen und Geheimtipps. Sommeliers, Kolumnisten, Weinreiseveranstalter, Seminaranbieter, alle finden ihr Auskommen. Selbst Mithelfen im Weinberg darf der interessierte Kunde. So kommt es, dass Wein für viele mehr geworden ist als ein Getränk: ein Zeitvertreib, eine Leidenschaft gar.

          Clevere Winzer haben sich darauf eingestellt, nicht nur mit eigenen Proben und Seminaren, auch mit eigenen Philosophien. Ein Winzer, der etwas auf sich hält, inszeniert sich heute als Handwerker und Lebenskünstler zugleich, er wird so selbst zur Marke, zum Qualitätsversprechen. Das ist ein erfolgversprechender Weg in einem Markt voller Fallstricke für die Kunden, in dem Weißwein zum Wild nach wie vor nicht als Ausdruck eigenständigen Geschmackes verstanden wird, sondern als Fauxpas eines Trottels. Der neue Führungsanspruch der Winzer zahlt sich aus: Auch dieses Jahr ist der Preis für einen Liter Wein ab Hof wieder gestiegen, um 39 Cent auf durchschnittlich 6,72 Euro.

          Seit Jahren übersteigt das Weinangebot die Nachfrage

          Diese von Sandsteinmauern und Mandelbäumen gesäumte Hochglanzkulisse ist aber nur der kleinere Teil der Weinwelt. Der größere Teil sieht weniger verlockend aus und ist betriebswirtschaftlich beinhart. Zwei von drei Flaschen Wein werden heute in Supermärkten und Discountern verkauft. Der Absatz am Hof geht zurück.

          Dabei ist der Weinabsatz pro Kopf in Deutschland noch stabil. Die neue Liebe zum Wein hat die dem Gesundheitswahn geschuldeten Absatzeinbußen wettgemacht. In den Vieltrinkerländern Frankreich, Italien und Spanien aber sinkt der Konsum seit Jahren, als Folge steigt der Importdruck in Deutschland. Zugleich hat sich der Export aus Deutschland in den vergangenen zehn Jahren fast halbiert.

          Der Befund ist eindeutig: Seit Jahren übersteigt das Weinangebot die Nachfrage. Wer in diesem Markt Erfolg haben will, muss andere verdrängen. Das gelingt nur bis zu einem bestimmten Punkt. Der Anteil deutscher Weine im Handel stagniert seit einiger Zeit bei knapp 50 Prozent. Die Menschen wollen Auswahl. So kommt es, dass Deutschland trotz einer lebendigen Weinwirtschaft mehr Wein importiert als jedes andere Land.

          Zahl der Winzer nimmt auch in Deutschland ab

          Gleichbleibend ordentliche Qualität wird heute auch im Massengeschäft vorausgesetzt, auch bei Durchschnittspreisen von aktuell 2,97 Euro je Liter Wein im Handel. Handelsketten schicken eigene Fachleute schon vor der Abfüllung in Genossenschaften und Kellereien, um ihre Qualitätsstandards zu sichern. Wenn Qualität dergestalt sichergestellt wird, rücken Preis und Marke als Verkaufsargument in den Vordergrund. Hier liegt das Problem der deutschen Winzer. In einem solchermaßen internationalisierten Markt tut sich die kleinteilige deutsche Branche schwer.

          Eine Million Liter gleichbleibender Qualität sollte schon bieten können, wer mit Aldi ins Geschäft kommen will, das überfordert viele. Um international Geschäfte zu machen oder selbst eigene Marken aufzubauen, sind die meisten deutschen Weinhersteller zu klein. Der kalifornische Großwinzer Gallo setzte im Vorjahr fast 4,3 Milliarden Dollar um. Die Moselland-Genossenschaft aus Bernkastel-Kues, der größte Rieslingerzeuger Deutschlands, kommt mit 2200 Mitgliedswinzern gerade mal auf 81 Millionen Euro.

          Die Zahl der Winzer nimmt auch in Deutschland ab. Von den registrierten knapp 44000 Betrieben bewirtschaften aber noch immer fast 30000 nur einen Hektar oder weniger Rebfläche, viele davon im Nebenerwerb. Bleiben die Fassweinpreise am Boden, werden weitere Winzer aufgeben und ihre Flächen verkaufen. Das ist sinnvoll. Versuche, wie die des rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministers Volker Wissing (FDP), den zum Billigwein verkommenen einstigen Exportschlager Liebfrauenmilch wiederzubeleben, zeigen eindrücklich, wie es um Teile der Branche steht.

          Noch mehr Kleine werden aufgeben, Große übernehmen die Flächen und werden wettbewerbsfähiger. Freilich werden die Steillagen dann kaum mehr wirtschaftlich zu betreiben sein. In Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg werden schon heute Steillagen-Winzer subventioniert, um hässliche Brachen in der Kulturlandschaft zu verhindern. Das Bild von der heilen Welt der Winzer bekommt Risse, man soll sie nur nicht sehen.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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