https://www.faz.net/-gqe-98wsn

Kommentar : Rettet das Konglomerat

Auf mehreren Standbeinen: Der Konzern Merck kann sich weiter die Chemie-Pharma-Kombination leisten. Bild: dpa

Familienunternehmen erkennen den Vorteil der Risikostreuung – die Börse honoriert ihn allerdings nicht. Dabei haben Konglomerate gute Aussichten auf Erfolg.

          Das Konglomerat scheint auszusterben, jedenfalls das börsennotierte. Investoren mögen es nicht. Unternehmen sollen sich für ein Geschäftsfeld entscheiden. Und so haben sich beispielsweise fast alle chemisch-pharmazeutischen Großunternehmen aufgespalten.

          Der Trend besteht seit den neunziger Jahren; der Tod des Konglomerats ist also ein schleichender. Aber jetzt wird es richtig ernst – mit den „aktivistischen Aktionären“, die Anteilspakete erwerben, um Unternehmen eine neue Strategie aufzuzwingen: im Fall der Mischkonzerne die Aufspaltung oder (zunächst) Unternehmensteilverkäufe. Selbst der einstige Vorzeige-Mischkonzern, Siemens-Wettbewerber General Electric, steht unter Druck. Wo die Aktivisten noch nicht sichtbar sind, gehorchen Vorstände vorauseilend. Siemens-Chef Joe Kaeser erklärte das Konglomerat alten Zuschnitts für überholt; Sparten werden ausgelagert oder zum Teil an die Börse gebracht. Wirklich nur ein Umbau – oder ein Zwischenschritt zu mehr? Konkurrent Philips hat sich mittlerweile weitestgehend auf ein Geschäftsfeld gestutzt (Medizintechnik).

          Investoren pochen auf „Pure Plays“

          Früher war es en vogue zu diversifizieren, gerne zum „integrierten Technologiekonzern“. Heute pochen Investoren auf „Pure Plays“. Flexibler seien sie und effizienter. Sie müssen nicht mehr mit anderen Sparten um Konzernressourcen konkurrieren: um die Aufmerksamkeit des Vorstands und vor allem Geld für Investitionen und Zukäufe. Analysten mögen fokussierte Unternehmen, weil sie die leichter miteinander vergleichen können.

          Boston Consulting kam in Studien aber zum Schluss, dass gut geführte Konglomerate reüssieren. Warum soll ein fähiger Spartenvorstand sein Geschäft nicht genau so flexibel und effizient führen wie als Chef eines ausgelagerten Unternehmens? Er hat sogar Kostenvorteile, weil er gemeinsame Konzerndienste nutzen kann. Also das, was in Fusionen immer als Synergien gepriesen wird. Selten kommen die Minus-Synergien zur Sprache, wenn ein Unternehmen sich aufspaltet und eine neue Verwaltung nötig wird. Wenn sie nicht simultan zukaufen, schrumpfen die Unternehmen – zumal die erste Fokussierung selten die letzte ist. Man müsse aufpassen, sich nicht schrittweise in die Bedeutungslosigkeit zu fokussieren, sagte treffend ein früherer Vorstandschef des Mischkonzerns Akzo Nobel.

          Eine Schwierigkeit in Konglomeraten ist Quersubventionierung: Lahmende Geschäfte werden (zu) lange von starken ausgehalten. Aber moderne Manager tolerieren Minderleister nicht mehr ewig. Ein wenig Geduld jedoch nutzt: Im Medizinkonglomerat Fresenius durchlief vor Jahren die Infusionssparte ein Tief, dann die Kliniksparte. Der Dax-Konzern hätte sie auf Druck von Analysten abgeben können – reparierte sie stattdessen, was er heute gewiss nicht bereut.

          Läuft ein Teil schlecht, fängt ein anderer das auf

          Hinter Fresenius steht aber auch eine Stiftung als Ankeraktionär – so wie hinter Merck eine Familie als Mehrheitseigner. Merck kann sich weiter die Chemie-Pharma-Kombination leisten mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Zyklen. Genau das ist die Stärke von Mischkonzernen: Die Risiken sind gestreut. Läuft ein Teil schlecht, fängt ein anderer das auf. Diesen großen Vorteil erkennen und nutzen viele Familienunternehmen – die Börse honoriert ihn nicht.

          Als Bayer vor Jahren den Blutfettsenker Lipobay zurückziehen musste, stand das als Konglomerat gescholtene Unternehmen am Abgrund. In der anschließenden Umbauphase half entscheidend das stabile Kunststoffgeschäft, wie sogar Analysten zugaben. Heute ist es als eigenes Unternehmen (Covestro) abgespalten. Samsung mag kein vorbildlich transparenter Mischkonzern sein, aber: Als er ein neues Mobiltelefon herausbrachte und das in Feuer aufging, da sank der Aktienkurs schon deutlich – wie erst hätte ein reiner Telefonhersteller dagestanden? In Amerika expandieren junge Technikkonzerne wie Google de facto zu Konglomeraten – wobei sie allerdings recht nahe am ursprünglichen Geschäftsfeld bleiben.

          Der Zeitgeist des Kapitalmarkts?

          Breite Gemischtwarenläden sind dagegen die meisten Private-Equity-Gesellschaften, und das ist nicht ohne Ironie. Sie waren vor zehn, fünfzehn Jahren die treibenden Kräfte, wenn es darum ging, Gesellschaften zu übernehmen und dann zu zerlegen. Selbst aber kaufen sie Unternehmen vieler Branchen zusammen. Kapitalmarktexperten argumentieren, das sei ja auch eine Aufgabe von Investoren – so wie Fondsmanager ihren diversifizierten Korb aus Aktien fokussierter Unternehmen füllen. Nicht hingegen sei dies die Aufgabe von Vorständen.

          Aber stimmt das so kategorisch? Warum sollen Anleger gar nicht mehr die Option haben, sich an Unternehmen zu beteiligen, welche die Diversifizierung für sie betreiben? Gerade für den Privatanleger stellt sich diese Frage. Der will mit seinen beschränkten Mitteln in der Regel ein überschaubares Depot mit nicht sehr vielen Einzeltiteln.

          In Wahrheit könnte es sein, dass der Konglomeratshass der Zeitgeist des Kapitalmarkts ist. Vielleicht schwingt das Pendel irgendwann wieder in Richtung Diversifizierung. Aber bis dahin ist viel historisch Gewachsenes zerstört, das doch gut funktioniert hatte.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.