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Kommentar : Pflichtfach Wirtschaft

Reines Verbundfach: Wirtschaft wird in der Regel gemeinsam mit Erdkunde, Politik oder Sozialkunde unterrichtet Bild: dpa

Wirtschaft in der Schule? Die meisten Schüler sind dafür. Aber sie haben schlechte Chancen. Denn um das Schulfach Wirtschaft tobt ein Kampf, in dem es nicht um die Sache geht. Sondern um Weltanschauung.

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          Bundespräsident Joachim Gauck hat kürzlich – wieder einmal – seine gute wirtschaftliche Bildung offenbart. Er sprach auf einer Veranstaltung des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg und setzte sich für Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft ein: für Markt und Wettbewerb und gegen zu viel Macht in den Händen weniger. Und der Bundespräsident tat etwas, was nach Auffassung vieler Deutscher eine Ungeheuerlichkeit sein dürfte: Er verteidigte den Neoliberalismus.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          Dieser wird hierzulande fast nur noch als Schimpfwort gebraucht, um ein aus den Fugen geratenes Wirtschaftssystem zu brandmarken. Gauck aber wusste, dass es historisch falsch ist, den Begriff so zu verwenden. Schließlich hatten sich die Neoliberalen um Walter Eucken gerade gegen das Laissez-faire der Wirtschaft gewandt und für einen intelligenten Ordnungsrahmen plädiert, um die Zusammenballung wirtschaftlicher Macht zu verhindern und fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Für wirtschaftlich Gebildete dürften Gaucks Worte eine Wohltat gewesen sein.

          Wer über eine gute ökonomische Grundbildung verfügt, fühlt sich in diesem Land oft etwas einsam. Zum Beispiel wenn die breite Öffentlichkeit die ganze Schuld an der Finanzkrise den Bankern gibt, das Versagen der amerikanischen Politiker aber nicht erwähnt. Oder wenn sich die Deutschen in ihrer Rolle als Vorreiter für Klimaschutz sonnen, aber nur wenige danach fragen, ob Kosten und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis stehen.

          Wirtschaft als eigenes Fach

          Viele mögen mit freudigen Gefühlen an einem Acker voller Solaranlagen vorbeifahren, einen wirtschaftlich Informierten beschleichen äußerst ungute Gefühle. Mit Blick auf die Staatsschuldenkrise im Euroraum sind es vor allem Ökonomen, die gegenüber den staatlichen Rettungsaktionen Bedenken äußern. Das hat nichts mit Ressentiments gegenüber anderen Ländern oder Europafeindlichkeit zu tun, sondern mit vernünftigen wirtschaftlichen Überlegungen.

          Natürlich sind sich auch wirtschaftlich Gebildete über solche Themen oft nicht einig. Doch verfügen sie über ein hinreichendes Grundwissen, um hintergründige Fragen zu stellen, und brauchen populistischen Erklärungen von Politikern nicht zu folgen. Wer wenig weiß, muss bekanntlich viel glauben. Die meisten Schüler wissen zumindest, dass sie viel zu wenig über Wirtschaft wissen, selbst wenn sie die Schule mit der allgemeinen Hochschulreife verlassen. Sie nehmen das nicht einfach hin: Umfragen zeigen, dass sich eine überwältigende Mehrheit wünscht, im Unterricht mehr über Wirtschaft zu lernen. Ein großer Teil plädiert sogar für ein eigenes Fach Wirtschaft.

          Das ist in Deutschland jedoch die große Ausnahme. In der Regel wird Wirtschaft immer noch in Verbundfächern unterrichtet, gemeinsam mit Erdkunde, Politik oder Sozialkunde. Und dann liegt es an den wirtschaftlichen Kenntnissen des Lehrers, wie intensiv er Ökonomie unterrichten kann. Nicht wenige räumen ein, ihren Schülern nur ein, zwei Stunden voraus zu sein. Oft lehrt also der Politologe oder der Geograph Wirtschaft. Würde man hinnehmen, dass der Biologe Mathematik oder die Anglistin Französisch unterrichtet? Untersuchungen zeigen: Guter Unterricht hängt auch vom Fachwissen der Lehrkraft ab.

          Wirtschaftswissen ist Allgemeinbildung

          Die Argumentationskette ist klar: Wirtschaftswissen – das zeigt schon die tägliche Zeitungslektüre – gehört zur Allgemeinbildung. Ohne es fällt es deutlich schwerer, politische Angebote und Entscheidungen, die oft tief in das eigene Leben hineinreichen, zu beurteilen. Um ein solches Wissen breit zu verankern, sollten schon in der Schule die Grundlagen gelegt werden, der Bedeutung des Themas angemessen in einem eigenen Pflichtfach, so wie es auch dem Wunsch der Schüler entspricht.

          Doch so einfach ist es leider nicht. Um ein eigenes Fach tobt ein oft weltanschaulicher Kampf. Vor einigen Jahren haben die Gewerkschaften noch für ein solches Fach plädiert und dafür, die benötigten Lehrer in eigenen Studiengängen auszubilden. Das ist vernünftig, weil Schule nach Fächern organisiert ist. Und nur wenn es ein eigenes Fach gibt, wird einem Thema genügend Zeit gewidmet, und die benötigten Fachkräfte werden ordentlich ausgebildet.

          Heute warnen die Arbeitnehmervertreter allerdings vor einer einseitigen Vereinnahmung ökonomischer Bildung durch Ökonomen und vor einem eigenständigen Fach. Ist das die Zähmung der Ökonomie durch den Politiklehrer, weil man unterstellt, der Ökonomielehrer erziehe die Schüler dazu, das ganze Leben einem Nutzen-Kosten-Kalkül zu unterwerfen? Dass er nur das Wachstum im Blick habe und die soziale Sicherung außer Acht lasse?

          Wer solche Bilder an die Wand malt, verfolgt die ökonomische Debatte nicht. Auch in den Wirtschaftswissenschaften wird intensiv über die Grenzen des Marktmechanismus nachgedacht; es existiert eine ganze Theorie des Marktversagens – und freilich auch eine des Politikversagens. Dass die allermeisten Ökonomen dem Markt positiver gegenüberstehen als der Durchschnittsbürger, ist das Ergebnis jahrhundertelangen wissenschaftlichen Nachdenkens.

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