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Kommentar : Die Phantomdebatte von der Deflation

Europa sorgt sich vor fallenden Preisen. Aber ob das gefährlich ist, hängt von den Ursachen ab. Es besteht kein Grund zur Panik.

          Das Deflationsgespenst heult derzeit durch viele Kommentare. Eine Deflation, also ein sinkendes Preisniveau, werde „verheerende“ Auswirkungen auf die Wirtschaft des Euroraums haben, heißt es. Häufig ist das Argument zu hören, bei sinkenden Preisen würden Verbraucher massenhaft Einkäufe in Erwartung eines weiteren Preisverfalls verschieben. Daraus resultiere ein Konsumstau, die Wirtschaft in den angeschlagenen Südländern werde gelähmt.

          Auch wenn diese These von der Konsumzurückhaltung noch so oft und eifrig wiederholt wird - sie ist falsch. Es gibt keinen Konsumstau bei sinkenden Preisen, zeigt eine jüngst veröffentlichte Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Die Forscher haben die deutsche Preis- und Verbrauchsstatistik daraufhin analysiert, wie sich der Konsum von Gütern entwickelte, die über viele Jahre stetig günstiger wurden. Eine ganze Reihe von Waren, etwa Unterhaltungselektronik, Computer oder Haushaltsgeräte, sind trendmäßig billiger geworden. Und dennoch haben die Verbraucher ihre Anschaffungen keineswegs ewig verzögert. Im Euroraum gibt es trotz der niedrigen Inflationsrate von zuletzt nur 0,4 Prozent keinen Einbruch des Konsums. Die Sparquote liegt stabil bei 13 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit einem Jahrzehnt. Fakt ist: Europas Verbraucher horten ihr Geld nicht, sondern konsumieren.

          Selbst in Japan, das zwei Jahrzehnte mit leichter Deflation erlebte, war von einer dauerhaften Konsumverzögerung nichts zu spüren. Die Sparquote, die Anfang der neunziger Jahre 14 Prozent betrug, ist inzwischen auf 2 Prozent gesunken - was an der Alterung der Bevölkerung, aber auch an der geringen Attraktivität von Sparen bei extremen Niedrigzinsen liegt. Besucher in Japan staunen, wie hoch trotz der angeblich zwei verlorenen Jahrzehnte der Lebensstandard weiterhin ist. Ein anderer Fall ist die Schweiz, die wegen der Aufwertung des Frankens seit einiger Zeit einen Deflationsdruck erlebt und trotzdem ein gutes Wachstum schafft.

          Jene, die Japan als abschreckendes Beispiel für die angeblich verheerenden Konsequenzen einer Deflation darstellen, argumentieren am Kern des japanischen Problems vorbei. Das Preisniveau fiel, nachdem 1990 eine riesige Immobilien- und Börsenblase geplatzt war. Das sinkende Preisniveau - insgesamt 4 Prozent in zwanzig Jahren - war aber nicht die Ursache des gebremsten Wachstums, sondern eine Folge davon. Der Grund für die schwache Entwicklung nach den geplatzten Blasen war, dass man eine Bereinigung von Fehlinvestitionen vermied und Zombiebanken und Zombieunternehmen mit billigen Krediten über Wasser hielt. Japan scheut bis heute Strukturreformen und hat deshalb an Dynamik eingebüßt.

          Deflation schadet nicht immer

          Die Geschichte kennt viele deflationäre Phasen, die wirtschaftlich nicht schädlich waren. Es gibt sogar „zahllose Beispiele ,guter‘ oder zumindest ,gutartiger‘ Deflationsepisoden“, schreibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Zentralbank der Notenbanken, in ihrem jüngsten Jahresbericht. Im Goldstandard im neunzehnten Jahrhundert gab es mehr Deflationen als Inflationen, und zugleich war es eine Zeit kräftigen Wachstums. Die Warnungen vor verheerenden Deflationsfolgen beziehen sich meist auf die Erfahrung in der Weltwirtschaftskrise nach dem Crash 1929. Sie führte zu einer „debt deflation“, wie es der Ökonom und unglückliche Spekulant Irving Fisher nannte: Die Aktienkurse und Preise verfielen, die reale Last von Schulden wurde immer drückender. Das hat vielen das Genick gebrochen.

          Ob eine Deflation gefährlich oder ungefährlich ist, hängt von den Ursachen ab. Sind es angebotsseitige Schocks, die das Preisniveau drücken - etwa die Integration der Schwellenländer mit günstigen Produkten in die Weltwirtschaft -, dann ist dies eine positive Entwicklung, die den realen Wohlstand mehrt. Auch Strukturreformen, die zu mehr Wettbewerb und damit sinkenden Preisen führen, sind günstig. In den Euro-Krisenländern müssen die übertrieben hohen Lohnstückkosten korrigiert werden. Das ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder zu stärken. Ungemütlich ist eine Deflation freilich für jene, die Schulden haben. Zu einer wirklichen Gefahr könnte eine Deflation werden, wenn Zweitrundeneffekte einsetzen und Preise und Löhne wegen einer hartnäckigen Nachfrageschwäche in eine Abwärtsspirale geraten. Davon ist aber nichts zu sehen.

          Bislang ist das Deflationsgerede in Europa eine Phantomdebatte. Sie wird von einigen Regierungen - etwa Paris und Rom - benutzt, um vom eigenen Versagen abzulenken und noch mehr billiges Geld von der Europäischen Zentralbank zu verlangen. Auch die Finanzwelt lechzt danach. Die jüngste EZB-Umfrage unter Ökonomen ergab, dass diese ihre Inflationsprognosen für 2014 und 2015 zwar leicht gesenkt haben. Aber sie gehen von einem steigenden Verlauf aus, für 2015 werden im Mittel 1,5 Prozent erwartet. Zuletzt waren die Preise für Energie und Nahrungsmittel rückläufig. Was soll daran schlecht sein? Wenn Öl und Essen billiger werden, stärkt das die Kaufkraft der Bürger. Diese Deflation einzelner Preise ist überhaupt kein Grund zur Besorgnis.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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