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Kommentar : Mit weniger Wachstum leben

In den BIP-Statistiken ist der Stellenwert der Digitalisierung höchstens ansatzweise berücksichtigt. Bild: dpa

Bleiben in einer Welt mit geringem Wirtschafswachstum für die Verlierer nur noch die Krümel vom Kuchen? Aus mindestens drei Gründen ist das fragwürdig.

          Die Diagnose ist eindeutig. Deutschland und die meisten anderen modernen Volkswirtschaften wachsen längst nicht mehr so schnell wie in früheren Jahrzehnten. Statt um vier oder fünf Prozent vergrößert sich die Wirtschaftskraft nur noch um ein oder zwei Prozent im Jahr. Man kann das beklagen oder beklatschen, aber abstreiten kann man es nicht.

          Mehr denn je stellt sich daher die Frage, was aus dieser Entwicklung folgt, die Forscher als „säkular“ bezeichnen. Erstaunlich selten wird gefragt: Was bedeutet das geringere Wachstumstempo für Wirtschaft und Gesellschaft? Und welche Schlüsse sollten daraus gezogen werden – und welche nicht?

          Zuerst die Bestandsaufnahme: Das niedrigere Wachstum ist kein Ergebnis von Konsumverzicht und einer ökologisch orientierten Wirtschaftsweise, wie sie sich Wachstumskritiker wünschen. Für das gedrosselte Tempo gibt es natürliche Gründe, sagen Forscher. Es resultiere daraus, dass die arbeitende Bevölkerung im Schnitt älter wird und in Deutschland demnächst allen Prognosen zufolge sogar schrumpfen wird. Weniger Menschen tun sich schwer damit, immer mehr herzustellen.

          Japan ist dafür das beste Beispiel. Eine schnell steigende Produktivität würde dem Trend entgegenwirken. Doch die ist nicht im Sicht, im Gegenteil: Die Produktivität wächst langsamer als früher. Richtig ist, dass auch verkrustete Arbeitsmärkte, schlechte Bildungssysteme und drückende Schuldenberge das Wachstum zügeln. Aber das ist nur ein Puzzleteil für das große Bild der Wachstumsverlangsamung.

          Der Kuchen muss nicht wachsen

          In einer Gesellschaft mit weniger Wachstum entstehen andere Konflikte als in einer mit beständig hohen Zuwachsraten. Schließlich scheint das alte Versprechen vom wachsenden Wohlstand für alle nicht mehr zu erfüllen zu sein: Wenn der Kuchen, den es zu verteilen gibt, nicht größer wird, kann auch nicht jeder ein größeres Stück abbekommen. Vielmehr bleiben für die Verlierer nur Krümel, falls sich die Gewinner besonders große Stücke sichern.

          Es ist also kein Zufall, dass derzeit viel über ungleiche Einkommen, Gerechtigkeit und neue Verteilungskämpfe diskutiert wird. All das birgt sozialen Sprengstoff und kann zu Neid und Missgunst führen.

          Drei wichtige Argumente werden dabei übersehen. Zum einen zieht das Kuchenargument in einer nicht größer werdenden Bevölkerung nicht. Wenn weniger Menschen am Tisch sitzen, muss der Kuchen nicht wachsen, damit jeder ein größeres Stück abbekommt. Für den Wohlstand jedes Einzelnen ist nicht das Bruttoinlandsprodukt insgesamt ausschlaggebend, sondern das Bruttoinlandsprodukt je Kopf. Politiker tun sich schwer damit, solche einfachen Zusammenhänge zu erklären und Sorgen der Bürger zu mindern.

          Der Wohlstand wird unterschätzt

          Zweitens geht es den Menschen besser, als es die offiziellen Wachstumsstatistiken suggerieren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erfasst nur, was einen Preis hat. Zentrale Errungenschaften der digitalisierten Welt wie Online-Lexika, Suchmaschinen und E-Mails sind für Nutzer aber kostenlos.

          Der MIT-Forscher Erik Brynjolfsson schätzt, dass solche Internetdienste für Nutzer in den Vereinigten Staaten schon vor Jahren einen Nutzen hatten, der 0,3 Prozent des BIP entspricht. In der Statistik taucht die Summe aber höchstens ansatzweise auf. Der Wohlstand wird unterschätzt. Die fortschreitende Digitalisierung verstärkt diesen Trend.

          Drittens gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass das BIP gar nicht dafür gemacht ist, Wohlstand zu beziffern. Die Kennzahl sagt bestenfalls indirekt etwas darüber aus, wie es um Bildung, Umwelt und Gesundheit in einem Land bestellt ist. Die Wachstumsentschleunigung ist ein Grund mehr, die längst ausbuchstabierten alternativen Wohlstandsindikatoren stärker in den Blick zu nehmen, wenn es darum geht, den Fortschritt in einer Volkswirtschaft zu beurteilen.

          Starre Zielraten passen nicht zum Trend

          All das heißt nicht, dass Wachstum plötzlich nicht mehr wichtig wäre. Vor allem der Staat ist darauf angewiesen, dass die Wirtschaft nicht schrumpft – denn sonst sprudeln die Steuern nicht mehr und Schuldenberge werden erdrückend. Falsch ist es aber, in Panik zu verfallen und das Wachstum um jeden Preis in die Höhe treiben zu wollen. Die starre Vorstellung von bestimmten Raten, mit denen Preise und Wirtschaftsleistung steigen sollen, passt nicht zum säkularen Trend. Trotzdem wird an alten Zielen festgehalten.

          Nirgends zeigt sich das so deutlich, wie in der absurd anmutenden Idee vom „Helicopter-Money“: Die Notenbanker sollen Geld auf die Menschen rieseln lassen. Hauptsache, sie konsumieren mehr und stärken so die Nachfrage, fordern namhafte Forscher.

          Es geht dabei nicht um die Menschen, die sich mit steigenden Einkommen ihre Bedürfnisse erfüllen sollen, sondern um die angeblichen Bedürfnisse von Volkswirtschaften, die Menschen zu bedienen haben. Das klingt so, als sollte ein alternder Sprinter mit Doping-Mitteln von Jahr zu Jahr zu neuen Rekorden getrieben werden. Erscheint es da nicht klüger, mit etwas weniger Tempo, dafür aber auf gesunde Art voranzukommen?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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