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Kommentar : Lagardes Schuldenappell

  • -Aktualisiert am

IWF-Chefin Lagarde kommt nach Jackshon Hole und macht sich die Position keynesianischer Ökonomen zu eigen Bild: REUTERS

Die IWF-Chefin Lagarde verlangt nichts weniger, als die enorme öffentliche Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben. Mit Ratgebern wie ihr ist der Schuldenkrise nicht beizukommen und der Wirtschaft nicht geholfen.

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          Während die Euroländer noch über die Notwendigkeit eines europäischen Finanzministers streiten, ist Christine Lagarde schon mal in der Rolle der Weltfinanzministerin geschlüpft. Die neue Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat ihren Auftritt vor den Notenbankern in Jackson Hole genutzt, um den krisengeplagten Regierungen in Washington und der EU höchst problematische Ratschläge zu erteilen. Lagarde verlangt nichts weniger, als die enorme öffentliche Verschuldung jetzt weiter in die Höhe zu treiben - und erst langfristig konsequent dagegen anzugehen.

          Lagarde will private Banken zwingen, staatliche Eigenkapitalhilfe anzunehmen, um sie gegen die Schuldenkrise zu immunisieren. Das soll verhindern, dass die Banken ihre Kreditvergabe drosseln. Zweitens soll die amerikanische Regierung überschuldeten Hausbesitzern stärker entgegenkommen. Und drittens ergeht an alle Regierungen der Appell, kurzfristig bloß nicht zu hart zu sparen, sondern neue Konjunkturhilfen zu finanzieren. Die Notenbanken ermuntert sie, mehr Geld bereitzustellen, Inflationsrisiken seien gering. Wenig überraschend macht sich die ehemalige französische Finanzministerin damit die Position keynesianischer Ökonomen zu eigen. Diese erklären das magere Ergebnis der bisherigen Konjunkturhilfen insbesondere in Amerika damit, es sei zu wenig Geld geflossen und man habe falsche Vorhaben finanziert.

          Die Gegenposition lautet: Die Schuldenpolitik ist schon zu weit getrieben worden. Das gilt nicht nur für das schiere Volumen. Die Schulden von immer mehr Staaten erreichen die Schwelle von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung, von der an die Tragfähigkeit der Lasten kaum noch zur gewährleisten ist. Doch schlimmer erscheint: Eine fortgesetzte Schuldenpolitik, wie sie Lagarde propagiert, verführt zum Verfall der Sitten, dem „moral hazard.“ Das ungebremste Heraushauen von Banken, Hauseigentümern und überschuldeten Staaten zerstört die Grundlagen der Marktwirtschaft und die Moral der Finanzpolitik gleichermaßen. Es lädt private und öffentliche Schuldner ein, risikolos zu konsumieren und zu investieren. Am Ende haften die Steuerzahler, und zwar nicht notwendigerweise die des eigenen Landes sondern die anderer Staaten, so dass man zu Hause nicht um Wählerstimmen fürchten muss.

          Die Chefin und ihr einstiger Widersacher: In Jackson Hole trafen IWF-Direktorin Christine Lagarde und ihr vormaliger Gegenkandidat Agustín Carstens aufeinander
          Die Chefin und ihr einstiger Widersacher: In Jackson Hole trafen IWF-Direktorin Christine Lagarde und ihr vormaliger Gegenkandidat Agustín Carstens aufeinander : Bild: dapd

          Mit Ratgebern wie Lagarde ist der Schuldenkrise nicht beizukommen und der Wirtschaft nicht geholfen. Vielleicht spricht der deutsche Finanzminister deswegen schon ahnungsvoll von den „sieben schlechten Jahren“, die die Weltwirtschaft vor sich habe.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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