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Kommentar : Wider die Finanzblasen

Die Immobilienblase war einer der Gründe für die weltweite Finanzkrise. Bild: dpa

Niemand will eine neue Finanzkrise. Deshalb ist es plausibel, die Kreditvergabe beim Hausbau zu kontrollieren. Aber die nervige Bürokratie braucht auch keiner.

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          Die Bundesregierung hat den Finanzblasen den Kampf angesagt. In diesen Tagen stellt sie schon den zweiten Gesetzesentwurf vor, der verhindern soll, dass sich in Deutschland eine Immobilienblase bildet, platzt und schweren Schaden im Finanzsystem anrichtet.

          Bereits im März war eine europäische Regelung mit dem etwas sperrigen Namen „Wohnimmobilienkreditrichtlinie“ hierzulande in Kraft getreten. Darin wurde den Banken vorgeschrieben, dass sie bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit für Baudarlehen strenger vorgehen müssen. Insbesondere sollten sie ihre Entscheidung nicht mehr vor allem auf den Wert des Hauses als Sicherheit stützen. Sondern gewährleisten, dass der Bauherr den Kredit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch abzahlen kann.

          So soll verhindert werden, dass Banken in guten Zeiten ausufernd Häuser finanzieren und die Preise hochtreiben und in schlechten Zeiten Kreditnehmer ihre Raten nicht mehr zahlen können – und der Zwangsverkauf von Häusern unter dem angesetzten Wert dann die Krise verstärkt.

          Bafin will Häuserkredite deckeln können

          Das war die erste Idee zur Blasenbekämpfung, jetzt folgt die zweite: Künftig soll die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz Bafin, das aufsichtsrechtliche Instrumentarium an die Hand bekommen, um bei „drohenden Gefahren für die Finanzstabilität“ durch eine Immobilienblase die Vergabe von Immobilienkrediten deckeln zu können. Beleihungen zu 100 Prozent des Hauswerts sind dann nicht mehr möglich. Und auch Grenzen beispielsweise in Bezug auf das Einkommen des Bauherrn dürfen verhängt werden.

          Das soll der Gefahr vorbeugen, dass in der Entstehungsphase einer Immobilienblase die Häuser von den Banken übertrieben hoch beliehen werden und später schnell sinkende Häuserpreise die Banken ins Wackeln bringen.

          Zusätzliche Hürde für Verbraucher

          Nun sind die Erfahrungen mit der Wohnimmobilienkreditrichtlinie, die seit März gilt, nicht besonders gut. Und es stellt sich die Frage, ob das ganze Vorhaben eigentlich sinnvoll ist. Die Berichte aus der Kreditwirtschaft über die Folgen der Richtlinie sind zwar nicht einheitlich, und es muss bestimmt ein wenig von den Aussagen abgezogen werden. Schließlich bedeuten solche Regelungen für die Banken naturgemäß Kosten und Mühen, die jeder gern vermeiden würde.

          Aber es ist zumindest nicht ganz unplausibel, dass strengere Regeln zur Kreditvergabe für Verbraucher, die einen Kredit beantragen, eine zusätzliche Hürde darstellen. Selbst die Verbraucherzentralen, die der Richtlinie ursprünglich wohlgesonnen waren, berichten von Fällen, in denen ältere Leute und junge Familien Schwierigkeiten hatten, überhaupt noch an ein Baudarlehen zu kommen. Das wollte natürlich keiner. Kein Wunder also, dass die Bundesregierung jetzt nachbessert. Das ist vernünftig.

          Kampf gegen Finanzblasen

          Der Konflikt lenkt den Blick indes auch auf die Frage, ob das Grundanliegen, der Kampf gegen Finanzblasen, überhaupt sinnvoll möglich ist. Wie schwierig die Antwort ist, zeigt die Entscheidung aus dem Jahr 2013, den Wirtschaftsnobelpreis den Ökonomen Eugene Fama und Robert Shiller gemeinsam zu verleihen. Während nämlich Shiller einen Großteil seines Lebens der Erforschung von Finanzblasen gewidmet hat, glaubt Fama, es gebe überhaupt keine.

          Die meisten Gremien, die sich seit der Finanzkrise bemühen, dass solche Katastrophen nicht wieder passieren, haben sich allerdings jenseits der theoretischen Debatte die Vermeidung von Finanzblasen zum Ziel gesetzt. So auch der Ausschuss für Finanzstabilität in Deutschland, dem unter anderen die Bundesbank, das Finanzministerium und die Finanzaufsicht angehören und auf dessen Empfehlungen hin die Bundesregierung die neuen Immobilienkredit-Regeln erarbeitet hat.

          Wie sich Finanzblasen verhindern lassen

          Es bieten sich grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wenn man Finanzblasen bekämpfen will: Zum einen kann eine lockere Geldpolitik die Entstehung von Finanzblasen zumindest begünstigen. Man kann also, vereinfacht gesagt, die Zinsen anheben. Zum anderen kann eine ausufernde Kreditvergabe in bestimmten Wirtschaftsbereichen zur Entstehung von Finanzblasen beitragen. Dagegen helfen strengere Regeln, wie zum Beispiel eine Beleihungsgrenze für Immobilien. „Makroprudenzielle Aufsicht“ nennt sich Letzteres.

          Die Ökonomen Markus Brunnermeier (Princeton) und Isabel Schnabel (Bonn) haben einmal anhand von 23 historischen Finanzblasen untersucht, was besser wirkt. Ihr Ergebnis war leider: Das kommt darauf an. Der Leitzins sei ein sehr grobes Instrument, dafür könnten die Menschen ihm kaum ausweichen. Für die makroprudenziellen Regeln hingegen spreche, dass sie zielgerichtet in den betroffenen Wirtschaftsbereichen eingesetzt werden könnten. Dafür schafften sie Anreize, die Regulierungen zu umgehen.

          Beide Möglichkeiten zu haben ist vermutlich gut – sie zum richtigen Zeitpunkt richtig dosiert einzusetzen die hohe Kunst. Aktuell jedenfalls sieht auch die Bundesregierung noch keine Bedrohung der Finanzstabilität, das sollte zur Gelassenheit Anlass geben. Schließlich wünscht sich niemand eine neue Finanzkrise – aber nervige Bürokratie und Schwierigkeiten beim Bau eines Eigenheims braucht ebenfalls kein Mensch.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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