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Carsten Knop

Kommentar : Konkurs als Neubeginn

  • -Aktualisiert am

Die Autokonzerne GM und Chrysler betteln um ihr Überleben. Sie brauchen Milliarden. Das sei immer noch besser als eine Insolvenz, heißt es. Nie wurde die Öffentlichkeit so unverblümt mit einer Erpressung konfrontiert. Dabei wäre ein Konkurs von General Motors für Opel die beste Lösung.

          3 Min.

          Die amerikanischen Autokonzerne General Motors und Chrysler betteln um ihr Überleben. Und in Deutschland versteht niemand so gut wie das fränkische Familienunternehmen Schaeffler aus dem beschaulichen Herzogenaurach, worum es den Managern aus dem grauen Detroit geht. Sie alle flehen die Steuerzahler um Geld an. Denn die eigene Liquidität ist so begrenzt, dass sich die Finanzvorstände jeden Tag darum sorgen müssen, ob sie noch in der Lage sind, die Zinsen für ihre milliardenschweren Kredite zu bedienen.

          GM und Chrysler haben die Zahlen, die die Zukunft der Konzerne sichern sollen, jetzt auf den Tisch gelegt: Sie brauchen 39 Milliarden Dollar und nicht, wie zunächst angenommen, „nur“ 18 Milliarden. Das sei viel Geld, aber noch immer viel billiger, als die Unternehmen in die Insolvenz zu entlassen, heißt es. Denn dann seien Hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet – und auf den Steuerzahler kämen Kosten jenseits von 100 Milliarden Dollar zu. Dieses Szenario basiere auf sorgfältig durchgerechneten Modellen und eher optimistischen Annahmen.

          Das aber ist gelogen. Tatsächlich sind diese Folgen die schlechtesten, die sich für ein Konkursszenario von General Motors und Chrysler entwerfen lassen. Es ist Zeit für eine Insolvenz. Nur dann kann die amerikanische Autoindustrie wieder auf gesunde Füße gestellt werden. Und wenn Ford tatsächlich der Einzige der großen Drei aus Amerika bleibt, der seine Gläubiger nicht enttäuschen muss, darf man davor den Hut ziehen und dem Unternehmen alle Bestellungen gönnen, die es zum Dank dafür einheimsen kann.

          Ein Konkurs wäre nicht das Ende

          Ein Konkurs von General Motors aber wäre auch für deren deutsche Tochtergesellschaft Opel die beste Lösung. Nur dann könnte man versuchen, aus der Konkursmasse die Teile von GM zusammenzubauen, die man braucht, um aus Opel tatsächlich wieder einen eigenständigen, mittelgroßen Anbieter von Mittelklasseautos zu machen. Allen, die darüber in diesen Wochen zu entscheiden haben, muss klar sein, dass ein Konkurs nicht das Ende wäre, sondern ein neuer Anfang für Mitarbeiter, die Produkte entwickeln, herstellen und vertreiben, die Kunden auch wirklich kaufen wollen.

          Nur für die heutigen Vorstandsvorsitzenden, Geschäftsführer, Anteilseigner und Kreditgeber wird das Leben im Konkurs ungemütlicher. Warum aber sollten die auf Kosten der Steuerzahler geschützt werden? Und das gilt auch für die Familie Schaeffler. Hier sind die Dinge sogar noch einfacher. Deren Geschäftsführung hat sich nach der erfolgreichen Übernahmeschlacht um Continental starrsinnig verhalten, hatte keinen Plan B für ein sich rapide verschlechterndes Wirtschaftsumfeld zur Hand und will nun für sein Draufgängertum mit öffentlichen Geldern belohnt werden. Tatsächlich müssten sich aber gerade die Mitarbeiter von Schaeffler die wenigsten Sorgen machen, steht ihr Unternehmen doch erwiesenermaßen für hervorragende Produkte, die auch in Zukunft gefragt sein werden. Es ist eben nur so, dass die Anteilseigner ihr Spiel gespielt und verloren haben.

          GM-Chef Wagoner: Wer eine GM-Fabrik im Land haben möchte, soll zahlen

          Gleiches gilt für Detroit, jedoch mit etwas weniger Hoffnung für die Mitarbeiter: Der Restrukturierungsplan, den General Motors auf mehr als hundert Seiten vorgelegt hat, ist ein Zeugnis des Versagens des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Rick Wagoner. In dem Papier beschreibt er Maßnahmen, die er vor Jahren hätte durchsetzen müssen. Fachleute rieten GM schon seit einer kleinen Ewigkeit dazu, die Zahl der Marken, die auf dem amerikanischen Markt vertrieben werden, drastisch zu reduzieren. Wagoner hat das nicht gekümmert, jetzt will er für sein Unvermögen den Steuerzahler bluten lassen.

          Dabei aber geht Wagoner geschickt vor. Zahlen sollen nicht nur die Amerikaner, sondern alle Staaten, in denen GM Werke hat. Wer auch künftig eine GM-Fabrik im Land haben möchte, soll dafür bezahlen. Auf diese Weise sollen sechs Milliarden Dollar zusammenkommen. Nie sind Unterlagen für eine Erpressung so offenherzig unter dem Logo eines der größten Unternehmen der Welt der Öffentlichkeit vorgelegt worden.

          Mit erhobenem Zeigefinger weist GM darauf hin, welche katastrophalen Folgen die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers für das Bankensystem gehabt habe. Wagoner argumentiert, dass selbstverständlich auch GM ein „systemrelevantes“ Unternehmen sei – zu groß, um zu sterben. Diese Argumentation ist eine Unverschämtheit, denn kein anderer großer Autohersteller produziert Autos, die so austauschbar sind wie die von General Motors in Amerika.

          Die Insolvenz ist die einzige Möglichkeit, einen klaren Schnitt zu machen und immer neuen Forderungen von weiteren Autoherstellern oder aus anderen Branchen einen Riegel vorzuschieben. Auch wenn es den Politikern nach diversen Bankenrettungsplänen vielleicht so vorkommen mag: Die ganze Weltwirtschaft werden sie nicht retten können, die muss sich im Rahmen ihrer durchaus vorhandenen Selbstheilungskräfte selbst helfen.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

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