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Kommentar : Keine Lex Hochtief

  • -Aktualisiert am

„Wir brauchen so schnell wie möglich eine Gesetzesinitiative”: SPD-Chef Sigmar Gabriel vor Hochtief-Mitarbeitern Bild: dapd

Dass der spanische Baukonzern ACS die Kontrolle über Hochtief anstrebt, erregt die Gemüter. Erste Rufe nach schärferen Schutzvorschriften werden laut. Doch eine Lex Hochtief darf es nicht geben.

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          Im Jahr 2004 verramschte der Versorgungskonzern RWE seine Tochtergesellschaft Hochtief zu Preisen um höchstens 23 Euro je Aktie. Der Streubesitz verdreifachte sich auf fast 90 Prozent. Seither ist Deutschlands größter Baukonzern ein Übernahmekandidat. Schon drei Jahre später sicherte sich Spaniens Baumarktführer in kurzem Bietergefecht mit einem russischen Oligarchen eine Sperrminorität. Mit dem Ausbau auf nun knapp 30 Prozent ließ sich die ACS die Hochtief-Beteiligung stolze 1,5 Milliarden Euro kosten, zu einem durchschnittlichen Aktienpreis, der weit über den aktuellen Hochtief-Kursen liegt.

          Noch gehört diese Investition für den umtriebigen ACS-Chef Florentino Perez zu den schlechteren Geschäften. Seit Ausbruch der Finanzmarktkrise hat sich die Lage freilich stark verändert. Als einer der am breitesten aufgestellten Baudienstleister der Welt hat Hochtief die internationale Krise ohne Blessuren überstanden. Mit gestärkter Ertragskraft steuert der Essener Konzern auf ein Rekordergebnis von rund einer Milliarde Euro zu.

          Bei ACS läuft der Trend umgekehrt. Der spanische Baumarkt ist 2008 zusammengebrochen. Die Zeiten hoher Inlandsgewinne werden - wenn überhaupt - so schnell nicht zurückkehren. Ob die seit 2009 hektisch hereingenommenen Auslandsaufträge am Ende die Ertragslücke füllen können, wird man erst in Jahren sehen.

          Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass ACS die anfangs versprochene Stillhalteposition aufgibt und die Kontrolle über Hochtief anstrebt. Das angekündigte Übernahmeangebot muss noch von der Finanzdienstleistungsaufsicht genehmigt werden, aber die Konditionen sind bekannt. Sie erregen die Gemüter.

          Die Emotionen schwappen hoch

          ACS will Hochtief-Aktien in eigene Papiere umtauschen. Das dabei gewählte Wertverhältnis ist erheblich schlechter als der aktuelle Hochtief-Börsenkurs. Von der üblichen Übernahmeprämie kann keine Rede sein.

          Damit bewegt sich die ACS zwar in Deutschland im rechtlichen Rahmen. Aber die bei feindlichen Übernahmeangeboten generell hoch schwappenden Emotionen werden in diesem Fall noch verstärkt. Der als Präsident des Fußballclubs Real Madrid auch in Deutschland bekannte Perez gilt ohnehin als trickreicher Beteiligungshändler. In seinem Heimatland kauft und verkauft er Anteile vor allem in der Stromversorgungsbranche. Seinem Ziel, die Kontrolle am führenden spanischen Versorger Iberdrola zu übernehmen, ist er aber trotz langer Anlaufphase nicht näher gekommen.

          Damit lässt sich sein Vorstoß bei Hochtief auch so deuten, dass er sich wieder stärker dem Baumarkt widmen will, und zwar außerhalb Spaniens. Dennoch macht das Angebot an die Hochtief-Mitaktionäre misstrauisch. Will der spanische Baukonzern durch die Konsolidierung der höchst soliden Hochtief-Bilanz nur seine eigene verbessern? Oder will er gar durch Verkauf wertvoller Tochtergesellschaften oder Sparten schnell Kasse machen?

          Hochtief-Führung rüstet zur Abwehr

          Das Versprechen, bei einem Zusammengehen entstünde einer der stärksten globalen Baudienstleister, beseitigt solche Zweifel nicht. Abgesehen davon, dass sich Hochtief auch ohne ACS international schon in einer Führungsposition bewegt, hätten aussteigende Mitaktionäre das Nachsehen. Denn seit der Ankündigung des Übernahmeangebots hat die Hochtief-Notierung schon einige Euro zugelegt - und die meisten Analysten trauen dem deutschen Bauwert noch ein wesentlich höheres Kursniveau zu.

          Auch wenn die Motive für das Übernahmeangebot unklar sind, ist dessen Gestaltung durchsichtig. Wer in Deutschland eine Aktiengesellschaft übernehmen will, muss von der Schwelle von 30 Prozent an Mitaktionären ein freiwilliges öffentliches Kaufangebot unterbreiten. ACS hält sich hier an den vorgeschriebenen Mindestpreis und sichert sich ohne die gebräuchliche Übernahmeprämie eine niedrige Akzeptanz. Danach ist das Unternehmen - befreit von weiteren Pflichtangeboten - in der Lage, zu günstigen Börsenkursen Hochtief-Aktien zu kaufen.

          Diese im Wertpapierübernahmegesetz gewiss nicht gewollte Benachteiligung der Kleinaktionäre hat für ACS allerdings einen Haken. Der zur Neutralität gegenüber allen Aktionären verpflichtete Vorstand muss das Übernahmeangebot als unvorteilhaft bewerten und versuchen, es abzuwehren. Das der ACS schon gehörende Aktienpaket macht diese Aufgabe freilich nicht leicht. Dennoch sucht die Hochtief-Führung nach Wegen, die die Übernahme für ACS abschreckend teuer machen könnten. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass sich die geschäftlichen Aussichten von Hochtief, so gut sie sein mögen, im Aktienkurs jedenfalls nicht spiegeln.

          Die ungewisse Zukunft, die einem deutschen Leuchtturm-Unternehmen droht, ist - mit etwas Nachhilfe von Hochtief - inzwischen zumindest in der nordrhein-westfälischen Landespolitik auf Interesse gestoßen. In anderen Staaten der EU gibt es für vergleichbare Fälle schärfere Schutzvorschriften für den Streubesitz. Das aber macht die Angelegenheit für Hochtief nicht einfacher: Eine Lex Hochtief darf es mit Sicherheit nicht geben.

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