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Kommentar : Jubelstimmung im Staatsfunk

Moderator Reinhold Beckmann (l) und der brasilianische Ex-Fußballer Giovane Élber berichten während der WM für die ARD Bild: dpa

Die Fußball-WM beschert ARD und ZDF Traumquoten. Gegenüber der gebührenfinanzierten Konkurrenz haben die Privaten das Nachsehen. Doch was für ein Programm soll die Kopfsteuer finanzieren?

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          Es kommt eine schöne Zeit für jeden Fußballfan. Von Donnerstag an kann er die Spiele der Weltmeisterschaft in Brasilien daheim vor dem Fernseher verfolgen oder unterwegs auf dem Tabletcomputer. Er wird umfassend informiert, live oder zeitversetzt. Kein Spiel, kein Tor muss er verpassen. Das ist auch eine schöne Zeit für die Programmmacher von ARD und ZDF. In den kommenden vier Wochen können sie Tag für Tag demonstrieren, worüber das öffentlich-rechtliche Fernsehen so alles verfügt: teuerste Kameratechnik, modernste Computeranimation, die mit Abstand größte Redaktion vor Ort. Und das Schönste: Ihr kostspieliges Programm ist schon finanziert, bevor das erste Spiel der WM in São Paulo angepfiffen ist.

          Es kommt eine schreckliche Zeit für die Privaten. Ob RTL oder Pro Sieben Sat1, ihre Einschaltquoten werden in den kommenden vier Wochen zur besten Sendezeit dramatisch sinken. Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft sind seit dem ersten WM-Titel 1954 sowieso Straßenfeger, und auch andere Partien der Weltmeisterschaft in Brasilien werden spielend leicht das Konkurrenzangebot der privaten Sender im Vorabend- und Abendprogramm verdrängen. Schon heute ist absehbar, dass es das lineare Fernsehen, also Programm zur festen Sendezeit, schwerhaben wird, wenn es sich nicht gerade um große Live-Sportereignisse wie Fußball handelt. Im Internetzeitalter werden Programme gern „on demand“ abgerufen, also immer dann, wenn es dem Zuschauer passt. Bewegtbilder von Fußballspielen gehören zu den wenigen Internetangeboten, für die Kunden bereit sind, einen nennenswerten Geldbetrag zu zahlen. Doch für Veranstaltungen wie Fußball-WM und Olympia liegen die teuren Übertragungsrechte in den Händen von ARD und ZDF.

          Lineares Fernsehen mit Spielfilmen oder Serienformaten, finanziert über die Werbeunterbrechung, könnte hingegen zu einer Randerscheinung werden. Kürzlich hat die Arbeitsgemeinschaft für Fernsehforschung eine neue Studie vorgestellt, die nicht gerade zur Gelassenheit in den Zentralen der Rundfunkanbieter beigetragen hat. Nicht einmal mehr die Hälfte der unter Dreißigjährigen, lautet das Ergebnis, schaltet noch regelmäßig den Fernseher ein. Das ist ein alarmierendes Signal für die Privaten.

          Gefährdung der Informationsvielfalt

          Viele junge Menschen schauen lieber auf dem Smartphone oder dem Tablet fern. Für diese Geräte müssen Sky, RTL oder Pro Sieben Sat1 Apps auf den Markt bringen. Das tun sie auch. Aber während etwa die ARD-Sportschau-App zur WM dem Nutzer als „Gratis“-Offerte im Appstore angeboten wird, kosten die privaten Apps Geld: 2,99 Euro im Monat zahlt zum Beispiel jeder Zuschauer, der die sechs Kanäle Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1, Sat 1 Gold, Pro Sieben Maxx und den Frauensender Sixx mobil nutzen möchte. Wenn das private Fernseh-Kerngeschäft immer stärker mit solchen digitalen Aktivitäten vernetzt wird, ist das der Versuch, neue Erlöse zu generieren, um die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen zu mindern. Ratlos schauen die privaten Rundfunkanbieter zu, wie der Internetkonzern Google mit aller Macht seine marktbeherrschende Stellung in der Online-Werbung immer weiter ausbaut und mit seinem Videoportal Youtube zu einem bedrohlichen Konkurrenten für das Fernsehen wird. Google bleibt auch in diesem Bereich gänzlich unreguliert, während für RTL, Pro Sieben & Co die Werbung im Fernsehen auf 12 Minuten pro Stunde beschränkt ist.

          In einer Welt, in der die Mediennutzung zeitunabhängig geschieht, muss sich auch die Politik den neuen Zeiten anpassen. Aber was ist von einer Medienpolitik zu erwarten, die es seit Bestehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht geschafft hat, einen Programmauftrag für ARD und ZDF zu definieren? Vom einstigen Volksbildungsauftrag sprechen heute nicht einmal mehr die Intendanten. Statt den Staatsfunk mit einem Werbeverbot zu belegen, der ihn – ganz nebenbei – von dem selbst auferlegten Quotendruck befreien würde, haben die Ministerpräsidenten eine Haushaltsabgabe selbst für Leute ohne Fernsehen eingeführt. Das ist eine reine Kopfsteuer ohne Anspruch auf Gegenleistung. So kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem staatlichen Auftrag kokettieren, ohne erklären zu müssen, worin dieser eigentlich besteht und warum er durch Zwangsgebühren finanziert werden muss.

          Die Medienpolitik hat sich lange genug herumgedrückt. Im Wandel des Fernsehens zu einer digitalen Medienwelt kann es so nicht weitergehen. Denn je mehr die Öffentlich-Rechtlichen mit Milliarden aus dem Steuertopf privaten Anbietern im Internet das Leben schwer oder gar unmöglich machen – das gilt übrigens auch für die Angebote von Zeitungen im Netz –, desto größer wird die Gefahr, dass sich die Bürger nicht mehr aus einem breiten Angebotsspektrum ihre Meinung bilden können. Die Transformation im Internet beschleunigt einen Ausleseprozess unter den Medienunternehmen, von dem hierzulande nur der Staatsfunk verschont bleibt. Verschwinden immer mehr private Medien vom Markt, nimmt die Informationsvielfalt ab. Blieben am Ende nur Google und der Staatsfunk übrig, würde das zu einem Problem für die Demokratie.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

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