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Kommentar : Japans Energiewende

  • -Aktualisiert am

Die Japaner drehen den Atomausstieg zurück - aus Angst vor teurem Strom. Die Energiewende muss man sich leisten können.

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          Die Energiewende Deutschlands wurde nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima beschlossen. Eine Rückkehr zur Atomenergie ist hierzulande politisch unvorstellbar. Keine Partei bekäme dafür eine Mehrheit. Die Stimmung in der Bevölkerung ist wegen des Ärgers über steigende Strompreise durch maßlose Subventionierung von Ökostromproduzenten zwar etwas kritischer geworden, doch sind die meisten Leute weiterhin für die Energiewende. Daran wird der Zank über den Bau neuer Stromtrassen nichts ändern. Jeder Landespolitiker darf seine Klientel streicheln, aber den Bruch der großen Koalition wird deswegen niemand riskieren, weil jeder weiß, dass der Windstrom von der Küste irgendwie zu den Fabriken in Süddeutschland kommen muss.

          Anders in Japan: In Tokio ist am Sonntag der populäre frühere Regierungschef Koizumi gescheitert. Seine „Atomkraft, nein danke“-Kampagne hat bei der Wahl zum Governeur nicht gezogen. Gewonnen haben die Befürworter der Rückkehr zur Atomwirtschaft. Natürlich fürchten auch Japaner die radioaktive Strahlung. Sie wissen aus eigener schlimmer Erfahrung, dass man Politikern, Behörden und Energiekonzernen längst nicht alles glauben darf. Vor allem im Umgang mit Lebensmitteln sind die ernährungsbewussten Japaner skeptischer als die Deutschen

          Aber Japan ist zugleich pragmatisch. Die größte Sorge der Japaner ist die Frage, wie die Wirtschaft wieder zum Laufen gebracht werden kann. Nach zwei Jahrzehnten der Stagnation sehnt sich das Land nach Wachstum, damit die Einkommen endlich wieder steigen. Hinzu kommt eine Frage, die auch Deutschland zunehmend beschäftigen wird. Wie kann eine alternde Gesellschaft soziale Sicherheit bieten, ohne die schrumpfende Zahl der Jungen zu überfordern? Energiepreise spielen bei den Antworten auf beide Fragen eine entscheidende Rolle.

          Seit Fukushima stehen die zahlreichen japanischen Atomkraftwerke still. Die Lücke in der Energieversorgung wurde mit der Einfuhr von Gas geschlossen. Allerdings ist das Gas in Japan doppelt so teuer wie in Europa und fünfmal so teuer wie in Nordamerika, wo Gas durch das ökologisch strittige Fracking besonders günstig ist.

          Im globalen Wettbewerb kann die japanische Industrie diesen großen Kostennachteil auf Dauer nicht aushalten. Auf Drängen der Wirtschaft kündigte Japans Regierung kurz vor der Wahl in Tokio sogar den Bau neuer Atomreaktoren an. Was heißt das für Deutschland? Man muss sich die Energiewende leisten können.

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