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Kommentar : Im Auge der Gender-Polizei

  • -Aktualisiert am

Jörg Asmussen Bild: Wolfgang Eilmes

Staatssekretär Jörg Asmussen stilisiert sich als Symbolfigur im Kampf um Kinder und Karriere. Aber warum soll er dafür eine halbe Million verdienen?

          Der Held der vergangenen Woche ist ein Mann, den die böse Macho-Welt da draußen daran hindert, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. So zumindest klingt die übliche Erzählung über das Schicksal von Staatssekretär Jörg Asmussen (SPD), der sich, frustriert vom Dienst unter Arbeitsministerin Andrea Nahles, einen Posten in der staatseigenen KfW-Bank ausgeguckt hat, aber möglichst wenig Zeit an deren Sitz im garstigen Frankfurt verbringen wollte, woran die Berufung am Ende gescheitert ist.

          Nun gab es Zeiten, da wäre es skandalisiert worden, dass ein Politiker versucht, sich einen Versorgungsjob an der Spitze einer Staatsbank zu angeln – fürstlich bezahlt, obwohl nur Lehrling aus Sicht der Finanzaufsicht. Asmussen aber hat es geschafft, sich als Symbolfigur im Kampf für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stilisieren. Ein Thema, um das viel geheult wird, weil es angeblich so ungerecht zugeht in der Welt, in der sich die Prioritäten im Berufsalltag verschoben haben – und zwar in Richtung Work-Life-Balance: mehr Familie und Freizeit, weniger Karriere. Eine verständliche Wahl, schließlich spricht viel dafür, dass es dem Lebensglück mehr dient, sich um die Kinder zu kümmern, als 16 Stunden am Tag vor Chefs zu buckeln. So weit, so gut. Und da die Demographie in Deutschland sich nun mal so entwickelt, wie sie es tut, hat die junge Generation es auch in der Hand, ihren Lebensentwurf durchzusetzen.

          Wer als Arbeitgeber bestehen möchte, muss sich nach den Talenten richten. Teilzeit, Sabbatical, Homeoffice – alles ist möglich, das soll jeder halten, wie er mag. Nur hat dies seinen Preis, was Gehalt wie Karriere betrifft. Soll hinterher niemand jammern, wenn er mit 28-Stunden-Woche nicht Chefin von Deutscher Bank oder Daimler wird.

          Wenn Papa der bessere Banker ist, drückt die Gender-Polizei kein Auge zu

          Verkompliziert wird die Sache durch die regierungsamtliche, vom Zeitgeist verlangte Vorgabe, dass Frau und Mann ihre Prioritäten im Leben exakt gleich zu setzen haben. Mutter wie Vater haben demnach Anspruch auf eine Top-Karriere – und auf Top-Nachwuchs. Und weil beides zusammen so anstrengend ist, braucht es jemand, der einem alles an Last abnimmt, was am persönlichen Fortkommen hindert. Am besten der Staat, behelfsweise der Arbeitgeber. Gerade so, als gäbe es ein Grundrecht auf Familienglück plus Karriere zu Lasten Dritter.

          Der Steuerzahler hat für die Betreuung der Kinder aufzukommen, der Arbeitgeber für den Vorstandsposten. Die Gerechtigkeit ist erst dann hergestellt, wenn Mutter und Vater im Gleichschritt die Karriereleiter erklimmen und auch zu Hause die Arbeit exakt halbe-halbe aufgeteilt wird - zu messen an gewickelten Windeln und geschmierten Butterbroten. Wenn Mama nun die bessere Bankerin ist und Papas Stärken auf dem Spielplatz liegen, dann drückt die Gender-Polizei vielleicht ein Auge zu. Im umgekehrten Fall sicher nicht.

          Verboten ist die Idee, dass jedes Paar frei aushandeln kann, wer beruflich den Kindern zuliebe zurücksteckt und wer dafür ranklotzt im Beruf. Verdrängt ist die Idee, dass der Arbeitgeber für ein volles Gehalt einen Anspruch auf vollen Einsatz hat, verpönt der Hinweis, dass die Kollegen es nicht lustig finden, wenn sie einspringen müssen für die tollen Vollblut-Papis und-Mamis, die vorrangig an der Abrundung des Familienidylls werkeln: Wer mag schon so herzlos sein?

          Die Rechtslage dagegen ist simpel: Der Angestellte erhält Lohn dafür, dass er dem Arbeitgeber seine Arbeitsleistung zur Verfügung stellt. Wer weniger arbeiten möchte, weil er seine Prioritäten anders setzt, warum nicht? Wenn ein Staatssekretär in Berlin beschließt, kürzer zu treten, um seinen Kindern nahe zu sein, mag das eine vernünftige Entscheidung sein. Dann wird sich in der Hauptstadt eine Stelle als Teilzeitkraft für ihn finden. Nur die halbe Million, die in einem Bankvorstand in Frankfurt zu holen ist, gibt’s dafür nicht.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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