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Kommentar : Ignoranz am Bau

  • -Aktualisiert am

Gebaut wird in Deutschland viel, Arbeitskräfte reizt die Branche trotzdem nicht besonders. Bild: dpa

Immobilien sind gefragt – diejenigen, die sie bauen, nicht. Auch für Arbeitnehmer bieten Baufirmen kaum Perspektiven. Schuld daran ist die Branche selbst.

          Der Boom nimmt kein Ende: Wohnungsbau, Straßenbau, jetzt auch noch der Gewerbebau, von allen Seiten strömen die Aufträge herein. Um sage und schreibe ein Viertel ist der Auftragseingang im ersten Quartal gesprungen. Dabei waren viele Betriebe schon im Vorjahr durch die starke Nachfrage nach Wohnungen gut ausgelastet. Jetzt kommen die Infrastrukturinvestitionen von Bund und Ländern hinzu. Die Staatskassen sind gefüllt, der Reparaturstau an Brücken und Straßen groß, bald ist Bundestagswahl, das Geld fließt. Seit einiger Zeit investieren auch die Unternehmen wieder mehr Geld in den Bau neuer Büros und Fabrikgebäude.

          Die Bauwirtschaft ist unversehens zur Wachstumsbranche geworden. Trotz der Hochstimmung hat der Bau aber ein Problem, das nicht gering ist: Investoren und Arbeitnehmer misstrauen ihm gleichermaßen. Immobilien sind gefragt – diejenigen, die sie bauen, nicht. In einem Umfeld, in dem nahezu alle Branchen wachsen und Arbeitskräfte suchen, bietet der Bau zu wenig Perspektiven. Karriere- und Renditemöglichkeiten stimmen nicht. Das mag befremdlich klingen in den Ohren von Bauherren, die gerade ihre Rohbaurechnung begleichen müssen, und im Angesicht öffentlicher Klagen über steigende Baukosten. Doch stimmt der Befund.

          Um die vermeintliche Diskrepanz zu verstehen, hilft ein Blick in die jüngere Geschichte. Es gab schon einmal einen ähnlichen Bauboom, kurz nach der Wende. Im Wiedervereinigungstaumel wurden eilig Kapazitäten aufgebaut, die später mühsam reduziert werden mussten. Die Folgen dieser Fehlentwicklung wirken nach. In der zehn Jahre dauernden Baurezession bis 2005 hat sich zwar die Zahl der Arbeitsplätze halbiert, die Zahl der „Betriebe“ allerdings ist annähernd gleichgeblieben. Viele Bauleute haben sich einfach selbständig gemacht und wursteln weiter, mal im Licht, mal im Schatten. Fachleute sprechen von der Atomisierung der Branche.

          Deutsche Baukonzerne von Weltrang gibt es nicht mehr

          Die Flaggschiffe sind untergegangen. Walter Bau und Holzmann wurden durch eigene Fehler und die Krise hinweggefegt. Bilfinger mutierte auf Druck der Investoren zum Industriedienstleister. Die ehemals stolze Hochtief hängt heute am Gängelband des spanischen Baukonzerns ACS, der – ein Treppenwitz der Geschichte – nur deshalb einsteigen konnte, weil ihm die mit EU-Geld angefeuerte Immobilienblase in Spanien das nötige Kleingeld bescherte. Deutsche Baukonzerne von Weltrang gibt es nicht mehr.

          Trotz der Baurenaissance verdienen Bauingenieure im Schnitt noch immer weniger als vor zehn Jahren. Nach Zahlen ihres Verbandes VDI liegen sie mit einem Jahresgehalt von knapp über 50.000 Euro auf der Ingenieursrangliste ganz hinten. Ingenieure in der Chemie- und Pharmaindustrie kommen auf 83.000 Euro. Weil es vielen Betrieben an Größe und Internationalität fehlt, mangelt es potentiellen Bewerbern an Karriereperspektive und Aufstiegschancen.

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          Der Befund ist für Arbeiter nicht viel anders. Die Betriebe locken zwar mit hohen Lehrlingsgehältern. Danach allerdings geht die Mehrheit der Ausgebildeten von der Fahne, viele wechseln die Branche. Die, die bleiben, bessern ihr Gehalt mit Schwarzarbeit auf. Die Bundesvereinigung Bau schätzt den Anteil der Schattenwirtschaft an den Bauleistungen auf 27 Prozent. Betriebe bleiben so unter Druck, der Aufbau professioneller Strukturen wird erschwert.

          Für tüchtige Selbständige ist dieser Markt ein Eldorado, für Angestellte nicht. Die Branche ist selbst schuld. So wenig die Politik verstanden hat, Kindern, die nicht aufs Gymnasium können oder wollen, eine solide und geachtete Schulperspektive zu bieten, so wenig haben viele Baubetriebe gelernt, ihre Mitarbeiter zu fördern und ihnen etwas zuzutrauen.

          Auswirkungen auf die Rentabilität und das Interesse von Investoren

          Diese Ignoranz hat unmittelbar Auswirkungen auf die Rentabilität und das Interesse von Investoren. Nach Erhebungen von Roland Berger hat sich die Produktivität der Bauwirtschaft zwischen 2000 und 2011 nur um 4,1 Prozent erhöht, die der Gesamtwirtschaft hingegen um 11 Prozent. Etliche Industrien haben sich neu erfunden, der Bau nicht. Kaum ein mittelständisches Bauunternehmen in Deutschland hat heute überhaupt die Möglichkeit, große öffentlich private Partnerprojekte zu stemmen, organisatorisch und finanziell. Die Bundesautobahngesellschaft wird eine Spielweise für Investoren werden, Baufirmen werden den Asphalt verteilen, viel mehr nicht.

          Dabei bietet der Bau viele Möglichkeiten, auch wenn die zinsbefeuerte Konjunktur erloschen sein wird. Neue Materialen, digitale Gebäudetechnik, Hauskraftwerke, energiesparendes Bauen, die Vernetzung aller Gewerke auf der Baustelle 4.0, in Tests haben Roboter schon ganze Rohbauten erstellt.

          Der 3-D-Druck mit Beton hat das Potential, den Bau zu revolutionieren. Um all diese Entwicklungen nicht nur mitzumachen, sondern anzuführen, braucht es interessierte Fachleute, Akademiker und Nichtakademiker. Es ist an den Unternehmen selbst, die Gelegenheit der Stunde zu nutzen, sich neu aufstellen, im besten Sinne zu modernisieren. Wenn es nicht gelingt, Talente für sich zu gewinnen, wird am Ende eine ganze Branche zum Subunternehmer mutieren, zum Handlanger für Klügere.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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