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Kommentar : Gender-Gejammer

Wird gerne übersehen: Zeit mit dem Kind zu verbringen, kann auch Spaß machen. Bild: dpa

Im Klagelied über Gender-Gaps und Verwirklichungschancen gehen ein paar banale Wahrheiten unter. Doch mancher Gleichstellungspolitiker findet die Welt erst gerecht, wenn wirklich jeder einzelne Müllbeutel gemeinsam zur Tonne getragen wird.

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          Es gibt ein paar Dinge in Deutschland, auf die man sich verlassen kann. So reicht die pure Information aus, dass der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung im Kabinett diskutiert wird, um die Ergebnisse des Berichts treffsicher vorauszusagen. Der Bericht benennt und quantifiziert, was ohnehin schon jeder weiß: Frauen verdienen weniger als Männer, bekommen weniger Rente und leisten mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Das passende Klagelied der seit drei Wochen amtierenden Familienministerin ist ebenso präzise vorhersehbar. Katarina Barley (SPD) findet: „Bei der Verteilung von Belastungen und Chancen zwischen den Geschlechtern geht es in unserer Gesellschaft immer noch ungerecht zu.“ Bis zur Gleichstellung sei „noch viel zu tun“.

          Das ist nicht völlig verkehrt. Selbst wenn unterschiedliche Qualifikationen, Branchen und Hierarchiepositionen herausgerechnet werden, erhalten Frauen etwa 6 Prozent weniger Gehalt als Männer. Das ist zwar kein riesiger Unterschied, aber trotzdem der Rede wert. Und selbst wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, erledigen Frauen mehr Hausarbeit als ihre Partner.

          Allerdings gehen im Gejammer über Gender-Gaps und mathematisch berechnete Verwirklichungschancen ein paar banale Wahrheiten unter:

          1. Es wird in Deutschland kein junger Mensch gezwungen, die Weichen auf einen schlecht bezahlten Beruf zu stellen.
          2. Es gibt keinen Zwang zu heiraten.
          3. Es gibt keinen Zwang, Kinder zu bekommen.
          4. Es gibt keinen Zwang, sich die Arbeit mit dem Partner nach der Geburt so aufzuteilen, dass ausschließlich die Frau ihre Erwerbsarbeit reduziert.

          Trotzdem entscheiden sich ungleich mehr Frauen als Männer aus freien Stücken für schlechter bezahlte Berufe. Trotzdem beantragten 96 Prozent der Frauen, die im Jahr 2014 ein Kind bekommen haben, Elterngeld. Und fast alle (87 Prozent) schöpften die maximale Bezugsdauer von zwölf Monaten aus. Genau umgekehrt sieht es bei den Vätern aus: Nur jeder dritte Vater nimmt sich nach der Geburt seines Kindes eine Pause vom Beruf. Und auch die wenigen Väter, die Elterngeld beziehen, verlassen ihren Schreibtisch nur so kurz wie möglich: 79 Prozent von ihnen bleiben nur für zwei Monate zu Hause.

          Zu dieser Aufteilung zwingt die Paare keiner. Das haben die Partner in der absoluten Mehrheit der Fälle gemeinsam so entschieden. Sie kennen ihre Situation, ihre Bedürfnisse und persönlichen Ziele am besten. Und sie müssen auch mit den Folgen ihrer Entscheidung leben – und nicht etwa die Familienministerin und all die wohlmeinenden Gender-Forscher.

          Beim Geld hört die Solidarität meist auf

          Natürlich bedeuten freie Entscheidungen der Betroffenen nicht, dass alles gut ist. Natürlich darf darüber gestritten werden, warum Erzieherinnen eigentlich weniger verdienen als Ingenieure. Politisch korrekt und im Sinne des Gleichstellungsberichts ist es deshalb, lautstark mehr Gehalt für Erzieherinnen zu fordern. Wehe aber, der Beitrag für den Kindergarten steigt daraufhin um 50 Euro im Monat an. Dann ist bei den meisten schon wieder Schluss mit der Solidarität. Die politische Stimmung geht vielmehr in die Gegenrichtung: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz fordert kostenlose Betreuungsplätze. Die Wünsche nach mehr Gehalt für Erzieherinnen auf der einen Seite und keinen Gebühren auf der anderen passen aber schlecht zusammen.

          Ähnlich ist es mit der Forderung der Gleichstellungspolitiker, die Erziehung der eigenen Kinder stärker zu belohnen. Aber: Genau dafür setzte die CSU vor ein paar Jahren bundesweit das Betreuungsgeld durch. Der betreuende Elternteil erhielt monatlich 150 Euro pro Kleinkind. Kritiker monierten, dass die Nicht-Nutzung eines staatlichen Angebots (der Kitas) damit belohnt werde. Faktisch war das Betreuungsgeld aber eine finanzielle Anerkennung (von Gehalt kann man bei 150 Euro nicht sprechen) der Erziehungsarbeit. Doch genau die gleichen Leute, die das Betreuungsgeld einst als „Herdprämie“ schmähten und erfolgreich dagegen vor das Bundesverfassungsgericht zogen, fordern heute, sogenannte Sorgearbeit stärker zu fördern.

          Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Welt aus Sicht eines Gender-Forschers erst dann gerecht ist, wenn auch wirklich jeder einzelne Müllbeutel gemeinsam zur Tonne getragen wird. Der Mann hält die linke Schlaufe, die Frau die rechte. Und beim nächsten Mal muss es umgekehrt sein.

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